Abschiebungen nach Afghanistan - Nächster Flug in den Krieg: Dienstag 23.01.2018 ab Düsseldorf

Thomas Nowotny, der auf CHANGE.ORG die große Petition Keine Abschiebungen nach Afghanistan! gestartet hatte, berichtet in seinem jüngsten Update:

83071 Stephanskirchen, Deutschland

7. Jan. 2018 — Afghanistan ist auch offiziell wieder ein "Land im Krieg". Allein in Kabul gab es in diesem Jahr mehr als 20 große Anschläge. Trotzdem schiebt die Bundesregierung in das Land ab und verbreitet Märchen.
Ein Kommentar von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi
Wenn es um Afghanistan geht, ist sich die deutsche Bundesregierung nicht zu schade, die dümmstmöglichen Vergleiche heranzuziehen. So sagte ein Vertreter des Bundesinnenministeriums neulich auf einer Fachkonferenz, das Risiko, im afghanischen Krieg getötet zu werden, sei ungefähr so hoch, wie in Deutschland an multiresistenten Erregern zu sterben.
Das Schlimme an diesen perfiden Vergleichen ist, dass sie bei vielen Menschen auf fruchtbaren Boden stoßen. Selbst Politiker der Grünen waren sich in diesem Jahr nicht zu schade, in der Debatte über afghanische Flüchtlinge mit Halbwahrheiten nur so um sich zu werfen. 
Mehr als 20 große Anschläge - allein in Kabul
Dabei würden schon ein paar Hintergründe reichen: Der Anschlag heute war einer von mehr als 20 großen Anschlägen in diesem Jahr alleine in Kabul. Die Zahl der kleineren Terrorattacken zählt schon niemand mehr. Kabul bietet von Jahr zu Jahr ein grimmigeres Bild, die Innenstadt besteht fast nur noch aus Sprengschutzmauern. Außerhalb Kabuls ist entweder Kampfzone oder es herrscht Anarchie.
Afghanistan gilt offiziell nicht mehr als "früheres Konfliktland", was irgendwie nach Hoffnung klingt, sondern wieder einmal als "Land im Krieg". Pro Tag kracht es im Schnitt 80 Mal. Es sind Angriffe auf Polizeiposten, auf Provinzhauptstädte, auf Dörfer, auf religiöse Feiern, auf Kasernen, auf Ministerien. Es sind aber auch Angriffe der afghanischen und der amerikanischen Luftwaffe, sogar die größte nichtnukleare Bombe der Welt kam im Frühjahr in Ostafghanistan zum Einsatz. Bis heute ist nicht geklärt, wie viele Menschen sie vernichtet hat.

Mehr Ehrlichkeit wäre gut
Die Zahl der toten Zivilisten lässt sich sowieso kaum noch seriös ermitteln, weil viele Regionen für unabhängige Ermittler nicht mehr zugänglich sind. Die Berichte von Krankenstationen lassen das Ausmaß immerhin erahnen. Danach hat der Krieg bis Ende September 69.000 Frauen, Kinder und Männer verkrüppelt. Mehr als 400.000 Zivilisten mussten wegen anhaltender Kämpfe fliehen. Die Regierung verliert nach und nach die Kontrolle über ihr Land. Sogar die deutsche Botschaft in Kabul liegt in Trümmern.
Aber die Bundesregierung redet weiter davon, dass es sichere Gebiete gebe und dass die Extremisten ja nur den Staat und nicht die Zivilbevölkerung im Visier hätten. Sie folgt damit einer langen Tradition, die Bürgerinnen und Bürger gezielt zu täuschen: Es fing an mit der Behauptung, deutsche Soldaten würden in Afghanistan nur Brunnen und Schulen bauen. Jetzt ist es das Märchen von einem Land, das zwar arm ist, aber ansonsten zumindest in Teilen normal. Und wer aus so einem Land zu uns flieht, gehört schnell dorthin zurück geschickt.
Ein wenig mehr Ehrlichkeit würde der ganzen Debatte also mal wieder gut tun. Wir müssten uns dann jedoch eingestehen, dass Abschiebungen nach Afghanistan, also in den Krieg, nicht zu rechtfertigen sind. Leider scheint es so, dass die deutsche Politik zu diesem Eingeständnis nicht bereit ist. Wir werden uns auf weitere perfide deutsche Halbwahrheiten über Afghanistan einstellen müssen - allen Kämpfen, toten Zivilisten und Anschlägen zum Trotz.

Soweit Jürgen Webermann am 28.12.2017 in der Tagesschau, nachzuhören hier:
https://www.tagesschau.de/kommentar/afghanistan-627.html

Kein Märchen, sondern ein andauernder Alptraum sind die Sammelabschiebungen nach Afghanistan. Auch heute muss ich wieder eine Reisewarnung von Pro Asyl weitergeben:

Kabul (dpa) - Bund und Länder planen nach Angaben von Flüchtlingsaktivisten für Ende Januar erneut einen Abschiebeflug nach Afghanistan. Der Flug soll demnach am 23. Januar in Düsseldorf starten, sagten Flüchtlingshelfer, deren Angaben sich in der Vergangenheit als zuverlässig erwiesen haben, am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur in Islamabad. Eine offizielle Bestätigung deutscher Regierungsstellen gibt es für Abschiebeflüge grundsätzlich nicht. Zuletzt waren am 6. Dezember 27 abgelehnte Asylbewerber nach Kabul zurückgeflogen worden - die größte Gruppe seit dem ersten Flug im Dezember 2016 mit 34 Passagieren an Bord. Unter ihnen sollen erstmals auch zwei Gefährder gewesen sein, also Menschen, denen die Behörden Terrorakte zutrauen. Seit einem massiven Bombenanschlag vor der deutschen Botschaft in Kabul im Mai hatten Bund und Länder Abschiebungen auf drei Kategorien von Menschen beschränkt: Straftäter, Gefährder sowie Flüchtlinge, die sich «weigern, bei der Feststellung ihrer Identität» zu helfen. Abschiebungen bleiben jedoch umstritten, weil sich in Afghanistan die Sicherheitslage in diesem Jahr weiter drastisch verschlechtert hat. Die radikalislamischen Taliban kontrollieren oder beeinflussen laut internationalen und afghanischen Militärs wieder rund 13 Prozent des Landes und kämpfen um weitere 30 Prozent. Außerdem wächst trotz starken Gegenwinds ein Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Insgesamt hat Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten 155 Männer in acht Abschiebeflügen nach Afghanistan zurückbringen lassen.

Es gelten die Sicherheitshinweise des Bayerischen Flüchtlingsrates.
http://www.fluechtlingsrat-bayern.de/informationen.html