Dramatische Rettungsaktionen auf dem Mittelmeer

Jugend rettet e. V. berichtet:  

 
Statement zu den Ereignissen des Osterwochenendes

Die letzten Tage waren für unsere Crew eine harte Belastungsprobe. Durch professionelle Arbeit und eine Kombination aus der nötigen Ruhe und guter Zusammenarbeit konnte unser Team alle Personen, die sich an Bord der IUVENTA und in ihrer unmittelbaren Nähe befanden, sicher an ein Schiff von “Save the Children”, die Vos Hestia, übergeben. Die HelferInnen sind hierbei in den letzten Stunden an ihr Maximum gegangen. Es geht ihnen jedoch den Umständen entsprechend gut und sie befinden sich auf dem Rückweg zu unserem Basishafen auf Malta.

Entscheidend für die Situation am Ostersonntag waren die Ereignisse am Samstag, den 15.4.2017: Wie unsere Crew berichtete, befanden sich rund 3000 Menschen zeitgleich in Seenot, nachdem schon in den Vortagen 2000-3000 Menschen im SAR-Gebiet eintrafen. Nach Angaben der italienischen Küstenwache kamen insgesamt 7000 Menschen am 15. und 16.4.2017 im Einsatzgebiet an. Das hat alle vorhandenen Einsatzkräfte maximal gefordert und dazu geführt, dass auch große NGO-Schiffe wie die Aquarius von SOS Mediterranee und die Phoenix von MOAS nach kürzester Zeit keine Menschen mehr aufnehmen konnten. Somit mussten mehrere große NGO-Schiffe nacheinander das Einsatzgebiet mit Menschen an Bord verlassen, um diese an Land zu bringen. Die Iuventa, die Sea Eye und die Phoenix (MOAS) blieben daraufhin alleine in der SAR-Zone zurück.

Nachdem die IUVENTA am Samstag 800 gerettete Menschen an ein Marineschiff übergeben hatte, nahmen sie über Nacht zum Sonntag 309 Personen in ihre Obhut. Ein Teil konnte an Bord genommen werden, andere wurden in Rettungsinseln versorgt. Zu dieser Zeit befanden sich zusätzlich noch schätzungsweise 400 Personen in ihrer Nähe in Seenot und ohne Aussicht auf ausreichende Hilfe. Außerdem wurde von offizieller Seite berichtet, dass noch 5 weitere Schlauchboote mit circa 600 Menschen auf dem Weg ins Einsatzgebiet waren. In Zusammenarbeit mit den noch anwesenden SAR-Einheiten versorgte die IUVENTA den ganzen Tag über die umliegende Schlauch- und Holzboote mit Schwimmwesten und Rettungsinseln. Menschen wurden medizinisch versorgt. Am Mittag des Tages waren alle Rettungsmittel ausgebracht, die Ressourcen am Ende. Doch noch längst nicht alle waren in Sicherheit. Durch diese außergewöhnlichen Umstände der Rettung fand sich die Iuventa in einer extremen Ausnahmesituation wieder. Auch die Sea Eye und die Phoenix waren zu diesem Zeitpunkt bereits mit Menschen an Bord vollkommen ausgelastet. Das MRCC in Rom sendete mehrfach Schiffe zur Abnahme und einem Transfer der Menschen, jedoch trafen diese unterwegs selbst auf Seenotfälle. Durch aufkommendes schlechtes Wetter und keine Aussicht auf Assistenz spitzte sich die Lage weiter zu. Die extremen See- und Wetterbedingungen bedrohten hier besonders die Personen, die nicht mehr unter Deck der IUVENTA untergebracht werden konnten. Um die Iuventa herum schwammen aufgrund fehlender Kapazität an Bord zu diesem Zeitpunkt bereits bereits mehrere Schlauch- und Holzboote sowie mehrere Rettungsinseln, die für die Geretteten ausgelegt worden waren. Diese besonders hohe Anzahl von Menschen in Seenot ist kein neues Phänomen für zivile Hilfsorganisationen - nichtsdestotrotz zeigt das vergangene Wochenende, wie dramatisch die Lage auf dem Mittelmeer sich zuspitzt und wie dringend politisches Handeln gefragt ist.

Die ganze Nacht über standen unsere Crew und das Team Berlin mit dem MRCC Rom in Verhandlung, um eine gemeinsame Lösung zu finden. In der Nacht stellte die Leitstelle der IUVENTA zusätzlich den 250 Meter langen Tanker “Stemnitsa” als Begleitung ab. In seinem Wind- und Wellenschatten konnte die IUVENTA mit geringer Geschwindigkeit sehr langsam Richtung Norden fahren, um an einem vereinbarten Punkt die Vos Hestia zu treffen. Die Geretteten haben die Nacht durch diese praktische Hilfe auch an Deck und auf dem Wasser halbwegs gut überstanden. Viele von ihnen wurden durch die direkte Konfrontation mit den schlechten Wetterbedingungen jedoch an ihre physischen wie psychischen Grenzen. Zwei der acht schwangeren Frauen an Bord waren in kritischer Verfassung und das medizinische Team von Rainbow for Africa versorgte sie im Hospital der IUVENTA.

Dass das MRCC Probleme hatte, der IUVENTA ein Schiff zur Verfügung zu stellen, an das die Geretteten abgeben werden konnten, führen wir auf deren Überlastung zurück. Sie sind in diesen Situationen ebenso so wie wir nur in der Lage mit dem zu arbeiten, was ihnen zur Verfügung steht. Dass zu wenige Schiffe für Tage wie diese zum Einsatz stehen, zeigt erneut deutlich, wie dringend und unausweichlich eine gesamteuropäische Lösung für diese Situation ist.

Unser Kapitän Kai Kaltegärtner beschreibt die Entwicklungen an Bord wie folgt:

In den Morgenstunden des Sonntags haben wir von mehreren Schlauchbooten 250 Personen abgeborgen und auf der Iuventa aufgenommen. Während dieses Vorganges näherte sich im Dunkeln ein weiteres Holzboot mit über 700 Menschen an Bord. Das Boot versuchte längsseits der IUVENTA anzulegen. Ich habe durch ein Ausweichmanöver eine Kollision oder das Längsseitskommen abwenden können. Allerdings sprangen durch die fehlende Distanz zu unserem Schiff und ausbrechende Panik knapp 50 Personen ins Wasser und kletterten an Deck der IUVENTA. Durch diesen Umstand kam es zu einer plötzlichen Überfüllung an Bord, die unsere Kapazitäten sprengte. Alle anderen Einheiten waren zu diesem Zeitpunkt ebenfalls überfüllt und in der direkten Umgebung befanden sich mehrere hundert Menschen in Lebensgefahr, um die wir uns durch unsere eigene Überfüllung nicht mehr fachgemäß kümmern konnten.

Die angeforderte Unterstützung, um die Menschen zu übergeben, blieb über 12 Stunden hinweg aus. Durch das zunehmend schlechtere Wetter wurden die Personen an Deck und in den Schlauchbooten und Rettungsinseln um uns herum zusätzlich konkret gefährdet. Aufgrund dieser Entwicklungen habe ich die Entscheidung gefällt, Hilfe mit einem Mayday, anzufordern.“

Seit Gründung des Vereins haben wir darauf hingewiesen, dass die private Seenotrettung aktuell vorhandene staatliche Lücken füllt. Unsere Forderung nach einem Seenotrettungsprogramm der EU bleibt im Zuge der Entwicklungen der letzten Tage aktueller denn je. Obwohl unser Verein seit einem Jahr zivile Seenotrettung ausübt, ist keine Verbesserung der Lage in Sicht. Die NGOs wiederum können immer wieder unter bestimmten Umständen an ihre Belastungsgrenzen stoßen.

Dies zeigen die extremen Zahlen der letzten Tage: So haben wir als private Organisation innerhalb von drei Tagen 2.147 Menschen mit Rettungsmitteln versorgt. Die Europäische Union muss hier Unterstützung leisten und sich an der Seenotrettung von Menschen auf der Flucht mit einem klaren Mandat beteiligen. Die alleinige Konzentration auf die Beseitigung der Schleppernetzwerke hilft nicht den Menschen, die in diesem Moment vor Krieg und Gewalt fliehen müssen. Ihre Leben dürfen zu keinem Zeitpunkt für eine Politik der Abschreckung und geschlossene Grenzen aufs Spiel gesetzt werden.

Weitere Informationen und Statements von Crew und Kapitän folgen in den kommenden Tagen.

Aus gegebenem Anlass brauchen sie nach diesem tagelangen Extremeinsatz einen Moment Ruhe auf der Fahrt nach Malta.

Jugend Rettet e.V

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