Die Seenotrettung bewegt

2.7.2019 Die Seenotrettung wird zum Thema Nr. 1 in diesem Sommer, nicht nur für uns Engagierte, sondern auch in breiter Öffentlichkeit, den Medien und Teilen der Politik – und das ist auch gut so, damit sich endlich etwas verändert an der menschenverachtenden Abschottung Europas. Und es gibt viele Zeichen der Akzeptanz in der Bevölkerung. Dies dürfte nicht zuletzt Resultat der seit einem Jahr existierenden starken Seebrücke-Bewegung und der mutigen Einsätze der zivilen Seenotrettung sein. Seenotrettung ist kein Verbrechen und Man lässt keine Menschen ertrinken sind die Aussagen, denen sich immer mehr Menschen anschließen.

Seebrücke-Demonstration

Am Wochenende 6./7. Juli wird es bundesweit Demonstrationen und Aktionen der Seebrücke-Bewegung geben. In Bonn versammeln sich die   Teilnehmer*innen um 14 Uhr in Beuel am Konrad-Adenauer-Platz, um gemeinsam über die Brücke nach Bonn zu ziehen. Die Organisator*innen fordern auf: Färbt Bonn orange – Setzt Zeichen durch Kleidung in Orange, schmückt Fenster und Häuser! Bringt Blumen mit für eine Aktion auf der Brücke! Aufruf und Näheres hier

 

Zivilgesellschaftliche Zustimmung zur Seenotrettung

Die Ereignisse um die Seenotrettung rütteln weiter die Öffentlichkeit auf. Zum Glück nicht mehr allein durch Nachrichten über eine Vielzahl Ertrunkener, sondern auch durch couragiertes Handeln junger Freiwilliger, die gegen das Sterben im Mittelmeer aktiv werden. Auch wenn die Rettungsschiffe im Krisengebiet zwischen libyscher und italienischer Küste durch staatliche Maßnahmen kaum noch präsent sein können, gelingt es den mutigen Crews doch immer wieder, Menschen in den internationalen Gewässern zu retten. So wie jetzt im Falle der „Seawatch 3“, deren Kapitänin Carola Rackete sich gezwungen sah, in riskantem Manöver im für sie eigentlich versperrten Hafen auf Lampedusa anzulanden, um die weiter gefährdeten Geflüchteten nach Wochen an Bord endlich an Land zu bringen. Nach ihrer Festnahme droht auch ihr in Italien die Strafverfolgung. Doch immerhin: Solidarität (auch finanziell) und Resonanz zumindest in Deutschland sind beachtlich, und der Druck auf Italien (und auch die EU insgesamt wächst. Zwei Petitionen haben schon weit mehr als 400.000 Unterstützer*innen gefunden: Beendet das Sterben auf See! Freiheit für Carola Rackete! bei Campact und Freiheit für Carola Rackete! bei Change.org

 

Godesberger „Flüchtlingshilfe Syrien“: 60.000 Euro für die Seenotrettung und die Flüchtlingshilfe in Griechenland und Marokko

Beim Pressegespräch am 1. Juli 2019: Christoph Nicolai, Lena Meurer, Ulrike Veermann, Anna Bartz und Ilja Bergen. Foto:Rohde

Vor 5 Jahren gründete sich unter dem Dach des Johanneskirchengemeinde die Godesberger Gruppe „Flüchtlingshilfe Syrien“. Ziel war es zunächst, über Verpflichtungserklärungen syrischen Menschen die reguläre Flucht nach Deutschland zu ermöglichen. Zur Absicherung der Bürgschaften und zur weiteren Flüchtlingsunterstützung wurden beträchtliche Summen an Spenden gesammelt.

Weil nicht zuletzt dank der beharrlichen Bemühungen der Godesberger Gruppe nun endlich geklärt ist, dass die Bürgschaften mit Asylanerkennung erlöschen und keine Rückforderungen von Jobcenter und Stadt Bonn mehr zu befürchten sind, sind die gesammelten Gelder jetzt frei für einen anderen Einsatz. Nach ausführlicher Diskussion beschloss der Unterstützerkreis der „Flüchtlingshilfe Syrien“ am 30. 6. 2019, jeweils 20.000 Euro an zivilgesellschaftliche Organisationen mit persönlich bekannten Bezugspersonen zur Verfügung zu stellen, die direkte Nothilfe leisten. Das sind

  1. die Flüchtlingsarbeit der Ev. Kirche von Griechenland, die in Thessaloniki Unterkünfte und Dienste für 1630 Flüchtlinge unterhält.

  2. die Bonner Seenotretter, die mit der Bewegung Seebrücke Bonn und den örtlichen Unterstützer*innen von Sea-Eye, Jugend Rettet, Seawatch die Problematik laufend mit eindrucksvollen Aktionen in den Blickpunkt rücken. Die 20.000 Euro sind – untereinander aufgeteilt – bei dem Rettungsschiff „Alan Kurdi“, den kriminalisierten Kapitäninnen Pia Klemp und ihrer Crew (Juventa 10) und Carola Rackete („Seawatch 3“) für die juristische Auseinandersetzung in Italien und der Seebrücke insgesamt und in Bonn hoch willkommen, um die Arbeit fortsetzen zu können.

  3. die Flüchtlingsarbeit der Ev. Kirche von Marokko, die in ihrem Projekt „Vivre l´espoir“ 145 unbegleitete Kinder und Jugendliche aufgenommen hat und ihnen dort Sicherheit und Förderung gewährt.

Alle bedachten Projekte werden einzig aus Spenden finanziert. Die kleinen Ev. Gemeinden in Griechenland und Marokko dienen organisatorisch als Träger der interkulturellen Arbeit Ehrenamtlicher.

Einen kleinen Teil des Spendentopfes behält die „Flüchtlingshilfe Syrien“ bei sich, um ihre Arbeit im Stadtteil fortzusetzen. Dabei unterstützt sie mit monatlich etwa 3000 Euro Geflüchtete bei der Integration und in Notfällen durch Mietzuschüsse oder Umzugshilfen.

 

4. Konkretes zur Lage im Mittelmeer

Über die Be- und Verhinderung der zivilen Seenotrettung berichteten Anna Bartz von „Jugend Rettet e. V.“ und Lena Meurer von der Sea-Eye-Hochschulgruppe beim Pressetermin in Godesberg. Die „Juventa“, konnte nur ein Jahr lang im Mittelmeer Seenotrettung betreiben. Im August 2017 wurde sie im sizilianischen Hafen Trapani beschlagnahmt. In viel Eigenarbeit war das Schiff zuvor langwierig für den Einsatz umgerüstet worden, bei dem auch Anna Bartz für einige Zeit tätig war. Der zehnköpfigen Crew um Kapitänin Pia Klemp, die aus Bonn stammt, steht in Italien ein vermutlich mehrere Jahre dauernder Prozess „wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung“ bevor, es drohen bis zu 20 Jahre Gefängnis. Unter dem Stichwort „Juventa10“ (vorher „solidarity at sea“) wird Geld für die aufgezwungene gerichtliche Auseinandersetzung gesammelt. Siehe auch https://iuventa10.org/.

-Als letztes Schiff der zivilen Seenotrettung ist die „Alan Kurdi“ von Sea-Eye auf dem Mittelmeer unterwegs. Das Schiff wurde auf den Namen des am 2. September 2015 ertrunkenen dreijährigen syrischen Jungen umgetauft. Das Foto ist wohl vielen unvergesslich und rüttelte auf: Ein totes Kleinkind, ertrunken im Mittelmeer, mit dem Gesicht nach unten liegend an einem türkischen Strand. Das Schiff unter deutscher Flagge war bisher, von Malta kommend, schnell im Einsatzgebiet in den internationalen Gewässern vor Libyen. Doch die Häfen von Malta sind jetzt versperrt. Die Anreise vom Hafen in Palma de Mallorca dauert 4 bis 5 Tage und ist auch kostspielig. Zwei Schiffe von Sea-Eye wurden bereits beschlagnahmt, doch trotz Abschreckung und hohem persönlichen Risiko und drohenden Schikanen geben Sea-Eye und die Besatzungen nicht auf. „Der Umgang mit den Schiffen setzt Zeichen, wie sich Europa entwickelt“, erklärt Lena Meurer. Es geht um das Leben von Menschen. Dies zählt am höchsten im humanistischen Geist.

Die letzten deutschen Soldat*innen des früheren Einsatzes sind jetzt aus dem Mittelmeer abgezogen. Frontex beobachtet zentimetergenau alle Schiffe und kleinen Boote, gibt aber keine Hilferufe ab. Die Zahl der Toten und Vermissten in diesem Jahr betrug UN-Angaben zufolge am 1. Juli bereits 584, obwohl erheblich weniger Menschen den Weg nach Europa über das Mittelmeer suchen.

Seenotrettung ist kein Verbrechen und Man lässt keine Menschen ertrinken sind die Aussagen, denen sich immer mehr Menschen anschließen.

Susanne Rohde

Nachtrag am 5.7.2019: Carola Rackete ist frei. Aber die Problematik um die Seenotrettung ist nicht gelöst. Neueste Deutschlandumfragen zeigen:

Mehr als die Hälfte der Deutschen bejaht die Seenotrettung.