Diskussion über Erwartungen, Ängste und Hoffnungen

Kurzbericht vom 1. Flüchtlingspolitischen Forum am 04. 04. 2016

Auf Einladung des Bonner Netzwerks „weltoffen“ und der Evangelischen Migrations- und Flüchtlingsarbeit Bonn (EMFA) versammelten sich am 4. April zwei Dutzend VertreterInnen von Initiativen der Flüchtlingshilfe, um sich über „Erwartungen, Ängste und Hoffnungen“ im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit auszutauschen. Die überschaubare Teilnehmerzahl erwies sich als vorteilhaft, um anhand vorgegebener Fragen zu einem persönlichen Erfahrungsaustausch über positive und negative Erlebnisse in den Begegnungen der letzten Monate zu kommen. Erklärte Absicht der Zusammenkunft war es, in zwangloser Atmosphäre die eigene Rolle zu reflektieren, ohne dabei die sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen aus den Augen zu verlieren, in denen sich die Arbeit abspielt.

Auf große Zustimmung der Anwesenden stieß die Bemerkung einer Teilnehmerin, es sei zwar nett zu irgendwelchen offiziellen Empfängen und Auszeichnungen mit Ehrenamtspässen eingeladen zu werden, daß aber die ehrenamtliche Arbeit hauptsächlich als Gratis-Dienstleistung für unzureichendes staatliches Handeln stattfinde. Es sei Zeit für massive Interventionen in der Öffentlichkeit, mit denen gegen die zunehmend restriktive Asylpolitik und fremdenfeindliche Stimmungsmache lautstark protestiert wird.

Wenn auch vereinzelt Beispiele genannt wurden, wonach im Gefolge der verheerenden Attentate in Paris und Brüssel sowie nach den Ereignissen am Kölner Hauptbahnhof Verunsicherung eingesetzt habe, so ist die Haltung des „Jetzt erst recht“ mindestens ebenso verbreitet. Die Vermischung von Themen wie sexualisierte Gewalt, Kriminalität u.ä. mit dem Zustrom geflüchteter Menschen wird von den meisten empört als populistisch zurückgewiesen. Stattdessen gelte es, verstärkt die Wertediskussion innerhalb unserer eigenen Gesellschaft zu führen und immer wiederkehrende Stereotypen zu hinterfragen. Am Beispiel der Krise um die Aufnahme und Unterbringung der geflüchteten Menschen sei deutlich geworden, wie schnell das verbreitete Image „deutscher Effizienz“ in sich zusammenfallen kann.

Als Skandal wurde die Tatsache bezeichnet, daß ein halbes Jahr nach dem berühmten Kanzlerinnenwort immer noch kein erkennbarer Plan für einen menschengerechten Umgang mit der Vielzahl Geflüchteter besteht. Pläne für die Reduzierung des Zustroms und die Abschreckung durch militärische Maßnahmen existieren hingegen zu Hauf und werden bereits umgesetzt. Der offizielle politische Diskurs erschöpft sich mittlerweile im wesentlichen in Vokabeln wie „Leistungsentzug“, „fehlender Integrationswille“ oder „Gefahr durch islamistische Gewalttäter“.

Daß wirkliche Integration nur auf der Grundlage eines Dialogs auf Augenhöhe möglich ist, daß Respekt vor dem Anderen und die Fähigkeit zuzuhören Voraussetzung für gelingende Integration ist, wurde mehrfach erwähnt. Zugleich damit muß allerdings auch die Sprachfähigkeit der Fremden gefördert werden, muß auf beiden Seiten interkulturelle Kompetenz erarbeitet werden

Diese und viele weitere Punkte kamen an dem nur durch eine 15minütige Pause unterbrochenen intensiven Diskussionsabend zur Sprache. Er hat gezeigt, daß bei vielen Helferinnen und Helfern ein großer Bedarf besteht, sich mit ihresgleichen unabhängig von den zahllosen und täglich neuen praktischen Problemen über die politischen Implikationen ihrer Tätigkeit auszutauschen.

Das nächste flüchtlingspolitische Forum am 3. Juni wird Gelegenheit bieten, über eigene Anteile an rassistischem Verhalten nachzudenken und Strategien zu seiner Überwindung zu erörtern.

Ulrich Mercker