Kölner Silvesternacht – viel Schaden, viele Aufgaben für die Zukunft

Viele Stunden, viele Seiten lang wurde und wird noch in Deutschland die schrecklichen Ereignisse in der Silvesternacht in Köln und in anderen Orten besprochen und bewertet. Willentlich und gezielt oder nicht: Unbestritten ist in dieser Nacht gewaltiger Schaden angerichtet worden.

Schaden ist natürlich zu allererst den Opfer selbst entstanden. Schock, traumatisierende Erfahrung der Wehr- und Hilflosigkeit, der brutalen sexuellen Gewalt im bislang für sicher gehaltenen öffentlichen Raum, gegen die auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe nicht half.

Zu dem Schaden für die Personen kommt aber, wie wir in den Tagen seither erleben, immenser Schaden für unsere Gesellschaft, das Zusammenleben, die Aufnahmebereitschaft für Flüchtlinge und Migranten. Wahrscheinlich hat jede/r von uns in Gesprächen die weitgehende Verunsicherung bemerkt, die die Menschen gleich welcher Herkunft erfasst hat. Besonders die Frauen empfinden nun oft Angst oder Misstrauen, wenn sie auf der Straße, im Bus, beim Einkaufen oder sonstwo Menschen begegnen, deren Äußeres auf „Migrant / Flüchtling“ schließen lässt, besonders wenn diese sich in Gruppen befinden. Manche Ehrenamtliche zögern bei der Fortsetzung ihrer Unterstützung, fühlen sich unsicher. Und die Flüchtlinge und Migranten sehen sich pauschal als Gruppe beschuldigt. Allein ihr Aussehen, ihre Herkunft macht alle mit den Tätern gleich. Sie empfinden hilflos die öffentliche Stigmatisierung, die neue Zurückhaltung oder das Zurückziehen mancher, die ihnen bisher offen und vorbehaltlos begegnet waren. Manche sehen sich zu öffentlichen Erklärungen der Scham und des Entschuldigens genötigt.

Und Schaden erleidet auch der demokratische offene Charakter unseres Zusammenlebens. Von Politikern ertönen Rufe nach „starkem“ Staat, verschärften Gesetzen nicht allgemein gegen Täter der sexuellen Gewalt, sondern gerichtet gegen Flüchtlinge und Migranten, die künftige Aufnahme von Schutzsuchenden ist ebenso gefährdet wie die Abweisung bereits Angekommener gefördert wird. Schluss mit Willkommenskultur heißt es nun für viele in der Politik. Und im Aufwind und ermutigt durch die Vorgänge sind die Nazis und Rassisten, deren Übergriffe, Überfälle, Brandanschläge und Hetzreden in der Vergangenheit bereits viel zu wenig geahndet wurden und die jetzt verstärkt zuschlagen, auch im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch dazu gab es jetzt Kölner Ereignisse. Wenn Männer aus den Kreisen der Rassisten und Hooligans als „Bürgerwehr“ und in Selbstjustiz Patrouillengänge durch die Städte und Stadtviertel unternehmen, wirkt das erschreckend, bedrohlich für Menschen mit sichtbaren außereuropäischen Wurzeln, und vermutlich will frau diesen Trupps ebenso wenig begegnen wie anderen aggressiven Männergruppen.

Wir in der Flüchtlingsunterstützung Engagierten sind ebenso wenig die Verursacher des Schadens wie es die Gesamtheit der Geflüchteten und Migranten ist. Aber wir sollten uns einzeln und gemeinsam um die Schadensbegrenzung bemühen, der Hysterie und Hetze Information und Sachlichkeit entgegenstellen: durch das offene Gespräch über Ängste und Befürchtungen, durch den stärkenden Austausch und solidarisches Verhalten untereinander, durch Erweiterung unserer Kenntnisse von Kultur und Religion und gesellschaftlichen Prägungen, durch einen aufmerksamen (veränderten) Blick auf die Flüchtlinge in ihrer Individualität und Diversität (nicht alle Flüchtlinge sind „gut“, genauso wie nicht die Gesamtheit der eingesessenen Bevölkerung „gut“ ist), durch Fortsetzung unserer Unterstützung und Hilfeleistung. Aber auch durch Drängen auf öffentliche und juristische Verurteilung jedweder sexueller Gewalt ebenso wie rassistischer oder familärer Gewalt. Und durch eine klare Absage an Rechtspopulisten, Rassisten, Hooligans und Nazis, die die Kölner Ereignisse für ihre menschenverachtende Politik nutzen und Stimmenfang bei den Verunsicherten betreiben wollen. Von dieser Seite droht unserer offenen Gesellschaft und dem friedlichen Zusammenleben in Deutschland weitaus mehr Gefahr als von den Zugewanderten.
Zusammen können wir erreichen, dass unsere Gesellschaft offen, vielfältig, solidarisch bleibt. 

Susanne Rohde