01.04.2026 Merz´ Ankündigung, innerhalb der nächsten drei Jahre sollten 80% der hier lebenden Syrer*innen in ihr Herkunftsland zurückkehren, bewirkte bei zahlreichen Medien, einmal genauer hinzuschauen auf die Menschen, die das betrifft und die jetzt oft wieder sehr in Sorge sind.
Können / wollen alle nach Syrien zurück? Ein Teil von ihnen, sicher. Aber die meisten haben doch gewaltige Anstrengungen unternommen, um hier ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen, sind in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, als Schul-, Sport- und Studienkamerad*innen gut bekannt und geschätzt.
Und auch "die Syrer" sind nicht alle gleich. Da ist auch an die vielen Angehörigen der drusischen, alavitischen, christlichen, jesidischen oder der großen kurdischen Minderheit zu denken, die sich - besonders nach Massakern noch vor wenigen Monaten - in Syrien keineswegs sicher fühlen können.
Trotz des Endes des Assad-Regimes ist das Land in weiten Teilen nicht sicher. Die Terrormiliz Islamischer Staat ist wieder stärker aktiv. Menschenrechtler sehen besonders Minderheiten wie Alawiten, Drusen und Christen in Gefahr. Sie wurden in den vergangenen elf Monaten Opfer blutiger Massaker. (n-tv)
An Beispielen zeigt auch der Beitrag in frontal ihre Sorgen.
Unmittelbar nach der Verkündung des 80%-Ziels am 30.03. fasste n-tv wichtige Fakten zusammen, die Merz offensichtlich nicht kennt.
Hier mehrere faktenreiche Beiträge, zum Schluss einer mit Zahlen aus NRW:
An diesem Montag rollt die Bundesregierung dem syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa den roten Teppich aus. Bei dem Staatsbesuch geht es auch um die Rückkehr von in Deutschland lebenden Syrern. Bundeskanzler Merz strebt die Rückkehr von 80 Prozent der Syrer in ihre Heimat an. Die Frage ist heikel: Kehren Grundsicherungsempfänger zurück, entlastet das die deutschen Sozialkassen. Ärzte hingegen werden dringend gebraucht - in Deutschland wie in Syrien. Fragen und Antworten dazu.
Wie viele Syrer leben derzeit in Deutschland?
Ende 2025 lebten rund 935.000 Menschen aus Syrien in Deutschland, wie eine vorläufige Auszählung des Statistischen Bundesamtes zeigt. Schätzungsweise sind 30 bis 40 Prozent von ihnen minderjährig. Die allermeisten von ihnen kamen seit 2015 ins Land, davor lebten nur rund 60.000 Syrerinnen und Syrer in Deutschland. Nach der Türkei und der Ukraine ist Syrien das Land, aus dem die meisten Ausländer in Deutschland kommen. Die Zuwanderung ist seit dem Ende des Assad-Regimes Ende 2024 deutlich zurückgegangen. 2023 stellten gut 76.000 Syrer einen Asylantrag, 2024 waren es noch rund 23.000.
Wie viele Menschen aus Syrien wurden eingebürgert?
Laut dem Datendienst Statista haben in den vergangenen zehn Jahren rund 250.000 Syrerinnen und Syrer die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen. Die Zahl der Einbürgerungen stieg ab 2021 rasant an, weil ab diesem Jahr immer mehr frühere Asylbewerber die Voraussetzungen dafür erfüllten. Allein von 2022 bis Ende 2024 wurden etwa 200.000 Menschen aus Syrien eingebürgert. Das ist auch ein Grund, warum die Zahl der Syrer in Deutschland sinkt. Ende 2024 lebten noch rund 970.000 Menschen mit syrischem Pass im Bundesgebiet. Eine syrische Einwanderungsgeschichte haben aber 1,22 Millionen Menschen. Fast jede Fünfte von ihnen ist in Deutschland geboren.
Wie viele Menschen sind nach Syrien abgeschoben worden?
Bisher nur sehr wenige, weil erst seit kurzem überhaupt wieder nach Syrien abgeschoben wird. Nach Angaben des Mediendienstes Integration wurde im Dezember 2025 erstmals ein Straftäter abgeschoben, drei weitere folgten im Januar dieses Jahres. Etwa 1000 Menschen aus Syrien sind ausreisepflichtig, weil sie keinen Duldungsstatus haben. Asylanträge von Syrern werden mittlerweile strenger gehandhabt. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) werden nur noch neun Prozent angenommen.
Wie viele Menschen sind nach Syrien abgeschoben worden?
Bisher nur sehr wenige, weil erst seit kurzem überhaupt wieder nach Syrien abgeschoben wird. Nach Angaben des Mediendienstes Integration wurde im Dezember 2025 erstmals ein Straftäter abgeschoben, drei weitere folgten im Januar dieses Jahres. Etwa 1000 Menschen aus Syrien sind ausreisepflichtig, weil sie keinen Duldungsstatus haben. Asylanträge von Syrern werden mittlerweile strenger gehandhabt. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) werden nur noch neun Prozent angenommen.
Wie ist die Lage in Syrien?
Trotz des Endes des Assad-Regimes ist das Land in weiten Teilen nicht sicher. Die Terrormiliz Islamischer Staat ist wieder stärker aktiv. Menschenrechtler sehen besonders Minderheiten wie Alawiten, Drusen und Christen in Gefahr. Sie wurden in den vergangenen elf Monaten Opfer blutiger Massaker. Nach UN-Angaben gelten noch immer sieben Millionen Menschen im Land als Binnenvertriebene. Noch immer sind demnach rund 16 Millionen Menschen in Syrien auf humanitäre Hilfe angewiesen. Syrien hat rund 23 Millionen Einwohner.
Wie viele Syrer sind freiwillig zurückgekehrt?
Auch wegen der schleppenden Abschiebungen fördert Deutschland die freiwillige Rückkehr. Seit Anfang 2025 gibt es ein neues bundesweites Förderprogramm. Der Bund übernimmt die Flugkosten und zahlt 1000 Euro pro Erwachsenen und 500 Euro pro Kind. 2025 nutzten 3678 Menschen diese Möglichkeit, wie die Funke Mediengruppe Anfang Februar unter Berufung auf das BAMF berichtete. Das Interesse für das Syrien-Programm sei so groß, dass es zu Wartezeiten komme. Wer nicht über dieses Programm nach Syrien zurückgekehrt ist, wird in dieser Statistik nicht erfasst.
Wie viele Syrer arbeiten in Deutschland - und in welchen Berufen?
Rund 300.000 von ihnen haben einen Job, zwei Drittel davon sind sozialversicherungspflichtig. Bei den Zahlen ist zu bedenken, dass viele Syrerinnen und Syrer noch minderjährig sind. Die Beschäftigungsquote liegt laut Bundesagentur für Arbeit bei 42 Prozent. Das schließt auch Minijobber ein. 60 Prozent von denen mit Arbeit haben demnach eine Beschäftigung als qualifizierte Fachkraft. Männer arbeiten häufig in der Logistik, Frauen in Gesundheit und Pflege. 2024 praktizierten mehr als 7000 syrische Ärzte in Deutschland, das war die größte Gruppe unter den rund 68.000 ausländischen Ärzten.
Wie viele Syrer bekommen Bürgergeld oder Grundsicherung?
Da die neue Grundsicherung erst vor kurzem das Bürgergeld ersetzt hat, beziehen sich die Zahlen hier noch auf das alte Bürgergeld: Im Sommer 2024 erhielten 518.000 syrische Staatsbürger Bürgergeld, darunter 353.000 Personen im erwerbsfähigen Alter und rund 165.000 Kinder. Die Tendenz ist fallend, das Niveau aber noch immer hoch.
Wie häufig fallen Syrerinnen und Syrer als kriminell auf?
Nach Angaben von Statista wurden 2024 rund 115.000 syrische Tatverdächtige ermittelt - sie stellen damit die größte Gruppe. Laut BKA entspricht das 21,2 Prozent der zugewanderten Tatverdächtigen. Das entspricht in etwa ihrem Anteil an den Geflüchteten insgesamt, der bei 20,5 Prozent liegt. Geflüchtete aus der Ukraine stellen zum Beispiel nur 12,8 Prozent der Tatverdächtigen, obwohl sie 35,7 Prozent der Geflüchteten ausmachen.
Warum ist Syrien kein sicherer Herkunftsstaat?
Im deutschen Asylrecht ist Syrien nicht als sicherer Herkunftsstaat gelistet. Noch vor zwei Wochen betrachtete das Auswärtige Amt laut WDR und NDR die Lage in dem Land als "volatil". Bereits Ende Oktober 2025 reiste Außenminister Johann Wadephul nach Syrien und wurde in einem zerstörten Vorort von Damaskus mit den Worten zitiert, dort könne man kaum würdig leben. Das verstanden viele Deutsche als Absage an verstärkte Ausweisungen.
Was eine großangelegte Rückkehr syrischer Staatsangehöriger für den deutschen Arbeitsmarkt bedeuten würde, zeigen Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW)...
Rund 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrerinnen und Syrer sollen in ihr Heimatland zurückkehren, zitierte Friedrich Merz gestern den „Wunsch“ des syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa. Mehr als ein Jahrzehnt nach der großen Fluchtwelle hätte eine Rückkehr im großen Stil Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt, zeigen IW-Zahlen:
1. Von den rund 950.000 Syrern in Deutschland waren im August 2025 gut 260.000 sozialversicherungspflichtig beschäftigt – Tendenz steigend. Rund 80.000 von ihnen arbeiten in Engpassberufen, also in Berufsfeldern, in denen Unternehmen offene Stellen besonders schwer besetzen können. Am stärksten vertreten sind sie in der Kfz-Branche, in Transport und Logistik, im Gastgewerbe sowie im Gesundheitswesen.
2. Etwa die Hälfte der syrischen Beschäftigten ist auf Fachkraftniveau tätig, gut zehn Prozent auf Spezialisten- oder Expertenniveau. Hinzu kommen rund 21.000 Syrerinnen und Syrer, die in Deutschland studieren, und knapp 7.000, die eine Berufsausbildung absolvieren – darunter viele in Engpassberufen wie Zahnmedizin, Sanitär- und Heizungstechnik sowie Bauelektrik. Nicht erfasst sind die gut 250.000 Syrerinnen und Syrer, die zwischen 2015 und 2024 eingebürgert wurden und in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit als Deutsche geführt werden.
3. Das Durchschnittsalter der syrischen Bevölkerung in Deutschland liegt bei etwa 27 Jahren. Rund ein Drittel – 328.400 Personen – ist minderjährig, allein die Null- bis Sechsjährigen machen knapp 120.000 Personen aus. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und eines erwarteten Rückgangs des Arbeitskräftepotenzials ist diese Gruppe ein erhebliches Reservoir für den Arbeitsmarkt.
4. Im Jahr 2024 kamen über reguläre Erwerbszuwanderung lediglich 54.590 Personen aus Drittstaaten außerhalb der EU nach Deutschland – bei Weitem nicht genug, um den Renteneintritt der Babyboomer auszugleichen: Allein in dieser Legislatur gehen 5,1 Millionen Babyboomer in Rente, aber nur zwei Millionen kommen nach.
Eine pauschale Rückkehrforderung wird der Komplexität der Integration der Syrer nicht gerecht und birgt das Risiko, dass auch Qualifizierte und gut integrierte Personen freiwillig abwandern. Statt die Integration generell infrage zu stellen, sollte die Politik die Interessen Syriens beim Wiederaufbau mit den Bleibewünschen gut integrierter Menschen in Deutschland austarieren.
Blick auf die Lage in Syrien heute und auf einzelne aus Syrien stammende Menschen hier und ihre Zukunftsabsichten:
- frontal ZDF (Video) 31.03.2026 Syrien: Ist das Land sicher genug für Rückkehrer?
Für die einen ist Ahmed al-Scharaa ein Islamist und Kriegsverbrecher, für andere ein Garant relativer Stabilität in Syrien. Die Bewertungen des syrischen Übergangspräsidenten könnten unterschiedlicher kaum sein – und sie haben auch in Deutschland konkrete politische Folgen. Denn zunehmend werden Asylanträge mit der Begründung abgelehnt, den Antragstellern drohe in Syrien keine Gefahr mehr. Doch wie belastbar ist diese Einschätzung, und plant die Bundesregierung bald massenhafte Rückführungen?
- WDR 31.03.2026 So viele Syrer leben und arbeiten in NRW
80 Prozent Rückkehr nach Syrien in drei Jahren? Die Kritik aus NRW ist deutlich. Viele Syrer sind hier längst integriert.
Kaniwar Mohamed hat schon einmal alles zurücklassen müssen. Vor zehn Jahren ist der Syrer nach Deutschland gekommen und hat sich hier eine neue Existenz als Apotheker aufgebaut. "Hier habe ich von null angefangen", berichtet er dem WDR. Wenn er nun daran denkt, eventuell wieder nach Syrien zurück zu müssen, "dann macht mir das Angst", berichtet Mohamed.
Sollen 80 Prozent der Syrer wieder gehen?
Auslöser seiner Angst ist ein Treffen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) mit dem syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa am Montag. Danach ließ Merz die Öffentlichkeit wissen, al-Scharaa wünsche sich, dass 80% der in Deutschland lebenden Syrer in ihr Herkunftsland zurückkehren.
Am Dienstag präzisierte Merz: "Die Zahl von 80 Prozent Rückkehrern innerhalb von drei Jahren hat der syrische Präsident genannt. Wir haben diese Zahl zur Kenntnis genommen, sind uns aber der Dimension der Aufgabe bewusst."
Kritik aus NRW
Verena Schäffer: "voreilig und unrealistisch"
Damit ist die Zahl von 80 Prozent Rückkehrern aber in der Welt. NRW-Fluchtministerin Verena Schäffer (Grüne) kritisierte entsprechende Pläne als "voreilig und unrealistisch". Auch der Flüchtlingsrat NRW wies darauf hin, dass in Syrien "insbesondere ethnische, religiöse und andere marginalisierte Gruppen weiterhin von Gewalt, Vertreibung und Verfolgung betroffen" seien.
Eine Rückkehr vieler Syrer hätte auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt in Deutschland und NRW. Viele Syrerinnen und Syrer hätten heute "eine klare Arbeitsmarktperspektive", betonte Fluchtministerin Schäffer. "Der erwähnte Vorschlag ignoriert, dass sich ein Großteil dieser Menschen hier gut integriert hat, und dass wir deutschlandweit angesichts des Fachkräftemangels auf sie angewiesen sind."
Viele Syrer in Deutschland beschäftigt
Insgesamt sind nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit derzeit 320.000 Syrerinnen und Syrer in Deutschland beschäftigt, davon 266.100 sozialversicherungspflichtig. Sie leisten mit ihrer Arbeit also auch Beiträge etwa für die Renten- oder Arbeitslosenversicherung.
In NRW sind nach Angaben der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit 77.603 Menschen mit einer syrischen Staatsangehörigkeit sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Damit liegt die Beschäftigungsquote bei 46 Prozent - gerechnet über alle Syrerinnen und Syrer in NRW, also auch die, die erst kurz im Land sind. Bei den im Jahr 2015 zugezogenen syrischen Schutzsuchenden liegt die Quote der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nach Befragungsergebnissen des IAB bei 60 Prozent.
Die meisten Syrer sind in NRW in der Logistik (16 Prozent) oder auch im Handel (15 Prozent) tätig. Im Gesundheitswesen sind sieben Prozent beschäftigt, in Heimen sechs Prozent.
Fast 25.000 Einbürgerungen in 2024
Die Zahl der Syrer, die inzwischen einen deutschen Pass haben, steigt seit Jahren stark an. Im Jahr 2024 waren es nach Angaben des Statistischen Landesamtes IT.NRW 24.349 Personen in NRW. Die Zahl der Einbürgerungen ist besonders seit 2021 merklich angestiegen, da immer mehr der zwischen 2014 und 2016 eingereisten syrischen Schutzsuchenden die formellen Voraussetzungen für eine Einbürgerung erfüllt haben.
Syrische Staatsangehörige standen 2024 bereits das vierte Jahr in Folge an der Spitze der am häufigsten eingebürgerten Nationalitäten in NRW. Am zweithäufigsten wurden in NRW Türkinnen und Türken eingebürgert.
Die Türkinnen und Türken bildeten 2024 aber weiterhin mit fast einer halben Million Personen die größte Bevölkerungsgruppe ausländischer Staatsangehöriger, die in NRW leben. Syrerinnen und Syrer folgen mit fast 288.000 auf Platz zwei.
Fast die Hälfte wohnt im Ruhrgebiet
Das Ruhrgebiet ist bei syrischen Staatsangehörigen in NRW offenbar besonders beliebt. 43,5 Prozent aller Syrerinnen und Syrer wohnten 2024 dort.
Die meisten Menschen mit syrischer Staatsangehörigkeit lebten nach Angaben von IT.NRW in Essen (18.970), Dortmund (14.600), im Kreis Recklinghausen (13.610), in Wuppertal (11.475) und in Bochum (11.350).
Die wenigsten Syrerinnen und Syrer wohnten demnach im Kreis Olpe (885), in Remscheid (1.515), in den Kreisen Höxter (1.660) und Euskirchen (1.670) sowie im Oberbergischen Kreis (2.160).
Der Anteil männlicher Jugendlicher und junger Erwachsener an den syrischen Zuzügen war nach Angaben von IT.NRW zunächst überdurchschnittlich hoch: 2015 lag der Männeranteil unter den Syrerinnen und Syrern in NRW bei 64,9 Prozent. Infolge des Familiennachzugs sank er demnach wieder und lag 2024 bei 58,4 Prozent.