05.06.2026 Ein weiterer Abschiebeflug nach Afghanistan war für vergangene Woche vorbereitet und wurde von den Taliban gestoppt.
Damit bekommt die Regierung ihre Quittung für die begonnene Zusammenarbeit, um das Hauptziel Abschiebungen zu erreichen. Die fühlen sich offenbar ermutigt, weitere Anerkennung auf den Weg zu bringen. Sie verlangen die Akkreditierung von mehr diplomatischem Personal für die Bearbeitung der Abschiebungen. Leidtragende sind dauerhaft die Menschen, die gezwungen werden, nach Afghanistan zurückzukehren - ob "Straftäter" oder auch nicht.
Die Bundesregierung werde praktisch erpresst, sagten afghanische Ex-Diplomaten dem NDR.
Ein Bericht und anschließend eine Pressemitteilung von Pro Asyl:
- Tagesschau 04.06.2026 Druck auf Bundesregierung Taliban sagen Abschiebeflug nach Afghanistan ab
Die in Afghanistan herrschenden Taliban erhöhen den Druck auf die Bundesregierung, um weitere Diplomaten entsenden zu können. Nach NDR-Recherchen wurde aus diesem Grund ein bereits angesetzter Abschiebeflug vorerst abgesagt.
Am Donnerstag vergangener Woche hätte NDR-Recherchen zufolge eine Maschine Richtung Kabul abheben sollen. An Bord sollten Afghanen sein, die aus Deutschland in ihr Heimatland abgeschoben werden sollten. Die für ihre Begleitung vorgesehenen Bundespolizisten hätten sogar bereits afghanische Visa erhalten. Doch die Taliban ließen den Flug schon im Vorfeld absagen, erfuhr der NDR aus Diplomatenkreisen. Als Grund habe das Außenministerium in Kabul genannt, dass man zu wenig eigene Diplomaten in Deutschland habe.
Um den Deutschen zu helfen, ausreisepflichtige Afghanen reibungslos in ihr Heimatland abzuschieben, brauche man mehr Personal. Bisher sind lediglich zwei Taliban-Vertreter in Deutschland akkreditiert. Die Bundesregierung werde praktisch erpresst, sagten afghanische Ex-Diplomaten dem NDR.
Exklusiv 27.05.2026 Afghanistan Taliban wollen mehr eigene Diplomaten in Europa
Keine Aussagen vom Bund
Auswärtiges Amt und Bundesinnenministerium wollten sich zu dem Fall auf wiederholte Nachfrage nicht äußern, dementierten ihn aber auch nicht. Nach NDR-Recherchen gibt es zwischen beiden Ministerien einen Konflikt, was den Umgang mit den Taliban in Deutschland angeht. Das Auswärtige Amt wolle demnach eine härtere Gangart. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt jedoch lasse Druck auf das Außenamt ausüben, die Radikalislamisten "nicht allzu hart anzupacken", eben weil man die geplanten Abschiebungen nach Afghanistan nicht gefährden wolle.
Ein Sprecher des Bundesinnenministerium schrieb dem NDR: "Die Bundesregierung arbeitet eng und vertrauensvoll zusammen und setzt den Auftrag aus dem Koalitionsvertrag um, regelmäßige Rückführungen nach Afghanistan zu ermöglichen. Darüber hinaus äußern wir uns zu regierungsinternen Vorgängen grundsätzlich nicht." Das Auswärtige Amt kommentierte eine entsprechende Anfrage des NDR nicht.
Die Taliban verdrängen bereits seit 2024 systematisch afghanische Diplomaten, die von der Vorgängerregierung, also vor der Machtübernahme der Radikalislamisten, nach Deutschland geschickt worden waren. Das Ziel ist es, die Kontrolle über Botschaft und Konsulate zu übernehmen. NDR-Recherchen zufolge ist ihnen das längst gelungen. Die afghanische Botschaft in Berlin wird faktisch bereits von einem Vertreter der Taliban geleitet, ebenso das Generalkonsulat in Bonn. Auch den Plan, die von der Bundesregierung schon im Koalitionsvertrag angekündigten Abschiebungen als Druckmittel gegen die Deutschen zu nutzen, gibt es den Recherchen zufolge schon seit vergangenem Jahr.
01.05.2026 Abschiebungen nach Afghanistan Enge Zusammenarbeit mit Taliban-Diplomaten Das Bundesinnenministerium nach NDR-Informationen die Zusammenarbeit mit Taliban-Diplomaten in jüngster Zeit intensivieren lassen. mehr
In einer Pressemitteilung bewertet Pro Asyl den Vorgang:
- Pro Asyl 09.06.2026 Keine Abschiebungen nach Afghanistan – keine Aufwertung der Taliban
Zum Abschiebeflug nach Afghanistan, der auf Druck der Taliban abgesagt wurde, äußert sich Helen Rezene, Geschäftsführerin von PRO ASYL:
Der abgesagte Abschiebeflug nach Kabul zeigt, wie gefährlich der derzeitige Kurs der Bundesregierung ist: Abschiebungen nach Afghanistan sind kein technischer Vorgang, sie machen die Taliban zum Verhandlungspartner. Wer nach Afghanistan abschieben will, begibt sich in politische Abhängigkeit von einem islamistischen Regime, das Menschenrechte systematisch verletzt.
Rückführungen sind längst Teil politischer und konsularischer Verhandlungen: Nach einem Abschiebeflug sprach das Taliban-Außenministerium von ausführlichen Gesprächen mit Deutschland und kündigte weitere Verhandlungen über konsularische Dienstleistungen an. Das heißt: Rückführungen werden zur Verhandlungsmasse. Aus Verhandlungen werden Zugeständnisse. Aus Zugeständnissen wird Normalisierung.
Ein Regime, das Frauen und Mädchen entrechtet, Oppositionelle verfolgt, freie Medien bekämpft und grundlegende Menschenrechte missachtet, darf nicht durch deutsche oder europäische Abschiebedeals aufgewertet werden. Auch die geplanten Gespräche auf EU-Ebene über Rückführungen würden die Taliban weiter normalisieren – wer mit einem solchen Regime über Abschiebungen verhandelt, macht europäische Werte zur Verhandlungsmasse.
Afghanistan ist nicht sicher. Niemand darf in ein Land abgeschoben werden, in dem Verfolgung, Misshandlung oder erniedrigende Behandlung drohen. Das Abschiebungsverbot ist nicht verhandelbar, sondern geltendes Menschenrecht.
Die Bundesregierung und die EU müssen diesen fatalen Kurs stoppen: keine Abschiebungen nach Afghanistan, keine Abschiebedeals mit den Taliban, keine Normalisierung eines Regimes, das Menschenrechte systematisch verletzt.