Asyl in Deutschland: 13 Jahre Flucht – und noch immer keine Sicherheit

08.06.2026 Aus den News von Pro Asyl: Interview

... Mein Asyl­an­trag wur­de jetzt abge­lehnt und ich wur­de dazu auf­ge­for­dert, das Land zu verlassen.

Mit wel­cher Begründung?

Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge sagt, ich sei jung, gesund und arbeits­fä­hig, also könn­te ich nach Syri­en zurückgehen.

Das ist nach 13 Jah­ren Flucht schon absurd genug, aber war­um kommt das für dich nicht in Frage? ...

Basel Gawish fühlt sich endlich angekommen – aber er muss immer noch um seine Zukunft bangen. 2013 musste er nach einer Entführung aus Syrien fliehen, war seither im Sudan, in Saudi-Arabien und in der Türkei. Nirgendwo durfte er eine Existenz aufbauen. Das möchte er jetzt endlich in Deutschland. Wir haben ihn in Bühl zu einem Interview getroffen.

Basel, du bist erst seit 2024 in Deutsch­land aber schon seit 13 Jah­ren auf der Flucht. Wie kam das?

Mit 18 Jah­ren wur­de ich in Syri­en ent­führt. Ich habe zu der Zeit in Damas­kus Zahn­me­di­zin stu­diert und war gera­de auf Besuch in mei­ner Hei­mat­stadt Deir ez-Zor, als ich vor der Tür mei­nes Hau­ses von mas­kier­ten und bewaff­ne­ten Män­nern nach mei­nem Namen gefragt und anschlie­ßend in ein Auto gezerrt wur­de. Das war 2013, als die Lage in Syri­en zuneh­mend insta­bil wurde.

Was waren das für Männer?

Ich weiß es bis heu­te nicht. Es kann eine Miliz gewe­sen sein, es kön­nen auch Män­ner im Auf­trag der Regie­rung gewe­sen sein. Sie haben auf jeden Fall nicht den loka­len Dia­lekt gesprochen.

Also aus poli­ti­schen Gründen?

Nein, ich war nicht poli­tisch aktiv. Aber Ent­füh­run­gen waren und sind in Syri­en eine belieb­te Einnahmequelle.

»»Heu­te hast du Glück gehabt. Ich habe absicht­lich dane­ben geschos­sen. Aber mor­gen wirst du kein Glück mehr haben.«« Basels Ent­füh­rer

Wie war der wei­te­re Verlauf?

Ich war zehn Tage lang ein­ge­sperrt. Ein Bewa­cher kam gele­gent­lich vor­bei, um zu kon­trol­lie­ren, ob ich noch gefes­selt war. Etwa alle zwei Tage warf man mir eine Fla­sche Was­ser und eine klei­ne Packung Kek­se in den Raum. Aus benach­bar­ten Räu­men hör­te ich manch­mal Schreie und Wei­nen. Daher ver­mu­te­te ich, dass auch ande­re Per­so­nen dort gefan­gen gehal­ten wurden.

Ich wur­de regel­mä­ßig »ver­hört« und man hat mir eine Tüte über den Kopf gezo­gen und eine Erschie­ßung simu­liert. Ich habe bis heu­te noch Angst vor lau­ten Geräu­schen und erin­ne­re mich an die Momen­te, an denen die Kugel knapp an mei­nem Ohr vor­bei­schoss und der Ent­füh­rer sag­te: »Heu­te hast du Glück gehabt. Ich habe absicht­lich dane­ben geschos­sen. Aber mor­gen wirst du kein Glück mehr haben.«

Was woll­ten die Entführer?

Geld. Sie haben über mein Mobil­te­le­fon mei­nen Vater kon­tak­tiert. Mein Vater ver­such­te zunächst, Hil­fe von den Behör­den zu erhal­ten. Man riet ihm dort aber, die For­de­run­gen der Ent­füh­rer zu erfül­len, um mein Leben zu retten.

Und das hat er dann getan?

Ja, mei­ne Fami­lie hat alles zusam­men­ge­kratzt. Mein Onkel erhielt dann eine Nach­richt, wo er mich abho­len kann. Im Auto dach­te ich, es sei jetzt vor­bei, als sie mich gefes­selt aus­stei­gen lie­ßen und mir befoh­len, los­zu­lau­fen. Mein Onkel hat dann das Geld über­ge­ben und durf­te mich mitnehmen.

Wie ging es dann mit dir weiter?

Ich war viel­leicht drei Stun­den zuhau­se.  Dann infor­mier­ten uns unse­re Nach­barn , dass bereits die nächs­ten Ent­füh­rer war­ten wür­den. Sie hat­ten ja Erfolg – das wird dann so lan­ge gemacht, bis kein Geld mehr damit zu erzie­len ist… Wir sind dann sofort zum Flug­ha­fen und ich bin in den Sudan geflogen.

War­um in den Sudan?

Es gab nicht vie­le Län­der, in die man aus Syri­en visums­frei rei­sen kann. Und mein Vater, der auch Zahn­arzt ist, hat­te eine Arbeits­kol­le­gin mit Fami­lie im Sudan. Dort haben sie mich dann unterstützt.

Der Sudan ist bei uns jetzt auch nicht als fried­li­cher Ort bekannt. Wie kamst du denn dort zurecht?

Eigent­lich gut. Es ist natür­lich schwie­rig, mit die­sen gan­zen Erfah­run­gen in einem frem­den Land. Aber ich konn­te Zahn­me­di­zin stu­die­ren und mei­nen Abschluss machen. Bis dann dort auch lang­sam der Krieg anfing…

Das war in Fol­ge des Mili­tär­put­sches 2019? Was hast du dann gemacht?

Als es dort immer unsi­che­rer wur­de – gera­de für Aus­län­der wie mich –  weil die Dis­kri­mi­nie­rung zunahm und es auch dort immer mehr Ent­füh­run­gen gab, floh ich zu mei­ner Fami­lie nach Saudi-Arabien.

Dei­ne Fami­lie hat Syri­en auch verlassen?

Ja, direkt nach mei­ner Flucht. Mitt­ler­wei­le habe ich nichts mehr in Syri­en, auch unser Haus steht schon lan­ge nicht mehr.

In Sau­di-Ara­bi­en konn­te ich dann mein prak­ti­sches Jahr im Zahn­me­di­zin­stu­di­um machen. Aber arbei­ten durf­te ich dort auch nicht. Ich habe ver­sucht, das zu regeln, aber sie haben dafür die Unter­la­gen aus dem Sudan gebraucht und das war schwierig.

Also bist du wie­der in ein Land gekom­men, in dem du die Zel­te dann wie­der abbre­chen musstest?

Ja, ich bin dann in die Tür­kei gegan­gen, wo mei­ne Schwes­ter leb­te. Das war im Früh­jahr 2021. Ich habe dort die Spra­che gelernt – aber als Aus­län­der ohne Staats­bür­ger­schaft durf­te ich auch dort nicht arbei­ten – der Beruf als Zahn­me­di­zi­ner ist dort tür­ki­schen Bürger*innen vor­be­hal­ten. Und die Lage für Syre­rin­nen und Syrer wur­de in der Tür­kei immer schwie­ri­ger. Wir wur­den dis­kri­mi­niert, ich hat­te Angst vor einer Abschiebung.

»Wir waren vier Wochen in einem geschlos­se­nen LKW unter­wegs, mit kaum Nah­rung oder Trinken.«

Abschie­bun­gen nach Syri­en sind in der Tür­kei lei­der kei­ne Sel­ten­heit. Wie bist du mit der Situa­ti­on umgegangen?

Im Früh­jahr 2024 wuss­te ich kei­nen ande­ren Aus­weg mehr, als mich in die Hän­de von Schlep­pern zu bege­ben, um nach Euro­pa zu kommen.

War Deutsch­land dein Ziel?

Es ist schwie­rig, Erwar­tun­gen zu haben, wenn man mit Schlep­pern unter­wegs ist. Ich woll­te nach West­eu­ro­pa. Aber wir hat­ten auch die gan­ze Zeit Angst, dass wir viel­leicht plötz­lich im Krieg in der Ukrai­ne lan­den. Wir waren vier Wochen in einem geschlos­se­nen LKW unter­wegs, mit kaum Nah­rung oder Trinken.

Mit wie vie­len Personen?

Wir waren zu viert. Im April sind wir end­lich in Frei­burg angekommen.

Wie war dort dein ers­ter Eindruck?

Die Erfah­rung in Frei­burg war sehr beson­ders. Ein frem­des Land, eine frem­de Spra­che, das war wie ein ers­ter Kon­takt mit »Ali­ens«. Aber ich habe mich sicher gefühlt. Siche­rer als ich in der Tür­kei war, in Sau­di-Ara­bi­en, im Sudan. Ich habe mich gefühlt, als ob ich ange­kom­men wäre. Das ist mein Land, das sind mei­ne Leu­te. Und ich habe gehört, wenn man sich beson­ders gut inte­griert, kann man auch nach drei Jah­ren ein­ge­bür­gert wer­den. Das ist seit­dem mein Ziel.

Das ist in der Pra­xis natür­lich nicht so einfach…

Ja, das stimmt. Aber ich habe mir gesagt, dass ich so schnell wie mög­lich die Spra­che ler­nen will. Als ich in der Lan­des­erst­auf­nah­me­stel­le in Frei­burg war, habe ich die medi­zi­ni­schen Fach­kräf­te bereits bei der Über­set­zung ins Ara­bi­sche, Eng­li­sche und Tür­ki­sche unterstützt.

Und dann kamst du hier­her, nach Bühl?

Ja, nach zwei Mona­ten wur­de ich ver­legt und lebe seit­dem hier.

Was machst du gera­de, und wie steht es um dei­nen Aufenthalt?

Ich hos­pi­tie­re hier bei einem Oral­chir­ur­gen. Er möch­te mich ger­ne ein­stel­len, also ler­ne ich die Fach­be­grif­fe für die Prü­fung zur Aner­ken­nung mei­ner Aus­bil­dung als Zahn­me­di­zi­ner. Außer­dem unter­stüt­ze ich die Dia­ko­nie, das DRK und die Bun­des­po­li­zei Offen­burg beim Dol­met­schen. Und ich habe hier im Café Inter­na­tio­nal Kon­takt zu den »Omas gegen Rechts« bekom­men und mache seit­dem bei der Initia­ti­ve mit.

Aber auf der büro­kra­ti­schen Ebe­ne ist es lei­der schwie­rig. Ich durf­te ja noch nicht rich­tig arbei­ten. Mein Asyl­an­trag wur­de jetzt abge­lehnt und ich wur­de dazu auf­ge­for­dert, das Land zu verlassen.

Mit wel­cher Begründung?

Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge sagt, ich sei jung, gesund und arbeits­fä­hig, also könn­te ich nach Syri­en zurückgehen.

Das ist nach 13 Jah­ren Flucht schon absurd genug, aber war­um kommt das für dich nicht in Frage?

Aus ganz vie­len Grün­den. Ich habe dort nichts mehr, auch mei­ne Fami­lie ist mitt­ler­wei­le in Deutsch­land, in Ham­burg. Sie muss­ten Sau­di-Ara­bi­en und spä­ter die Tür­kei eben­falls ver­las­sen. Und der neue Über­gangs­prä­si­dent in Syri­en ist ein Ex-Ter­ro­rist – wenn ich hier etwas Poli­ti­sches sagen darf?

»Wenn ich jung, gesund und arbeits­fä­hig bin – dann kann ich doch auch in Deutsch­land hel­fen, dann wer­de ich doch auch hier gebraucht.«  Basel

Ja, natür­lich!

Er redet mit zwei Zun­gen. Gegen­über Euro­pa und Ame­ri­ka tut er tole­rant und ver­sucht, Auf­bau­gel­der ein­zu­sam­meln. Aber mit der Bevöl­ke­rung geht er anders um – er ist nicht weit ent­fernt von Assad. Es gibt dort nach wie vor Kor­rup­ti­on, Mili­zen und immer noch Ent­füh­run­gen wie die, die ich erlebt habe. Und vor allem wer­den dort Ärz­te gebraucht – ich habe Angst, dass ich dort von Mili­zen abge­grif­fen wer­de, um ihre Sol­da­ten zu behan­deln. Das will ich nicht.

Und ich fin­de die Begrün­dung, mit der mein Antrag abge­lehnt wur­de, absurd. Wenn ich jung, gesund und arbeits­fä­hig bin – dann kann ich doch auch in Deutsch­land hel­fen, dann wer­de ich doch auch hier gebraucht.

Seit knapp zwei Jah­ren hat Deutsch­land mir ein Dach über dem Kopf gege­ben, etwas zu Essen und zu Trin­ken, hat mich unter­stützt. Des­we­gen will ich dem Land und den Bürger*innen auch etwas zurückgeben.

Es ist bemer­kens­wert, wie du nach so vie­len Jah­ren und so vie­len Neu­an­fän­gen immer noch so posi­tiv denkst und die Hoff­nung behältst. Hast du kei­ne Angst?

Natür­lich. Es ist 50/50. Die eine Hälf­te von mir hat die Hoff­nung ver­lo­ren und Angst vor der Abschie­bung. Aber die ande­re Hälf­te sagt: Ich tue wei­ter alles, was ich kann, um mei­ne Zie­le doch noch zu erreichen.

Dei­ne Zie­le, wel­che sind das?

Ich habe kurz‑, mit­tel- und lang­fris­ti­ge Zie­le. Ich möch­te einen Sta­tus in Deutsch­land bekom­men und hier als Zahn­arzt arbei­ten. Und dann wür­de ich ger­ne mei­ne Dis­ser­ta­ti­on schrei­ben und mich in Oral­chir­ur­gie wei­ter­bil­den. Und ich träu­me davon…

[die Kir­chen­glo­cken begin­nen zu läu­ten]

…das ist der gött­li­che Bei­stand [lacht]. Ich träu­me davon, dass ich eines Tages der Bun­des­kanz­ler der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land bin.

Das ist doch mal ein Schluss­wort. Basel, vie­len Dank, dass du uns dei­ne Geschich­te erzählt hast!

(Inter­view: mk)

PETITION

Bild entfernt.

Basel muss bleiben!

Die OMAS GEGEN RECHTS Bühl/Achern haben eine Peti­ti­on für ein Blei­be­recht für Basel gestar­tet, die soll an Cem Özd­emir über­ge­ben wer­den soll: https://innn.it/basel-muss-bleiben