Dobrindt will Grenzkontrollen fortsetzen - Doch dem Mythos "unkontrollierte Massenmigration" widersprechen längst Fakten

16.02.2026 Das Schreckgespenst von der "Massenmigration" nach Europa wird unablässig bemüht. Beschreibt dieses Untergangsszenarion von Massenmigration die Realität?, fragt sich der Zeit-Kolumnist heute und beantwortet diese Frage mit Fakten. Lesenswerte Argumentation, finde ich. Noch während ich die Kolumne lese, erreicht mich die Nachricht einer weiteren Fortsetzung dieser Geschichte - Dobrindt will die umstrittenen Grenzkontrollen wieder verlängern, um ein weiteres halbes Jahr:

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (55, CSU) will nach BILD-Informationen die Fortsetzung der vorübergehenden Binnengrenzkontrollen an allen deutschen Landgrenzen. Die Maßnahmen werden über den 15. März hinaus um ein weiteres halbes Jahr verlängert. Die entsprechende Notifizierung wird nun an die Europäische Kommission in Brüssel übermittelt. Dobrindt verteidigt Entscheidung Ziel der Bundesregierung bleibt der Schutz der inneren Sicherheit und Ordnung sowie die weitere Eindämmung illegaler Migration. Dobrindt zu BILD: „Wir verlängern die Grenzkontrollen an den Grenzen zu unseren Nachbarländern. Die Grenzkontrollen sind ein Element unserer Neuordnung der Migrationspolitik in Deutschland.“ (Bild)

 

Die Europäer vernachlässigen den Grenzschutz, sagen rechte Parteien. Doch wer eine härtere Asylpolitik fordert, rennt die offenste Tür ein, die es in der Politik gibt.

Es ist ein fester Bestandteil rechtsnationaler Untergangsszenarien: Die "unkontrollierte Massenmigration" zerstöre die Grundlagen der europäischen Zivilisation, und statt etwas dagegen zu tun, leugneten die Politiker der etablierten Parteien diese Gefahr. Der US-amerikanische Außenminister Marco Rubio argumentierte am vergangenen Samstag auf der Münchner Sicherheitskonferenz so, die AfD argumentiert so, und auch in den Reden des russischen Präsidenten Wladimir Putin taucht diese rhetorische Figur regelmäßig auf. 

Die Frage ist: Beschreibt sie die Realität? 

Glücklicherweise gibt es Statistiken, die die Zahl der Zuwanderer erfassen. In Deutschland ist die Zahl der Asylanträge – um die politisch am meisten umstrittene Einwanderungskategorie heranzuziehen – seit der Jahrtausendwende tatsächlich deutlich gestiegen. Sie erreichte im Flüchtlingskrisenjahr 2016 den Höchstwert von 745.545 Menschen (PDF). Interessanterweise ging es danach aber fast ebenso deutlich abwärts. In den Jahren 2017 bis 2025 wurden in Deutschland im Schnitt rund 211.444 Asylanträge gestellt. 

Und der Trend setzt sich fort

Der Rückgang war dabei zuletzt noch dramatischer, als es der Durchschnittswert nahelegt. Seit 2023 sank die Zahl der Asylbewerber um fast 100.000 im Jahr und erreichte 2025 den Wert von 168.543 (PDF). Wenn man nur die Erstanträge auf Asyl betrachtet (also jene herausrechnet, die nach einem abgelehnten Verfahren erneut einen Antrag stellen, weil sie zum Beispiel neue Schutzgründe vorbringen), dann waren es sogar lediglich 113.236 Fälle. Und der Trend setzt sich fort. Im Januar 2026 wurden 7.640 Erstanträge registriert, ungefähr halb so viel wie im Vorjahr. 

Die Zahlen zeigen: Wenn es jemals eine "unkontrollierte Massenmigration" gegeben hat, dann ist sie schon seit einiger Zeit Geschichte. Das schließt nicht aus, dass es zu Fehlentscheidungen kommt und Menschen nach Deutschland gelangen, die eigentlich keinen Schutzstatus bekommen sollten oder hier Verbrechen begehen. Natürlich ist die Integration der sich bereits im Land befindenden Flüchtlinge eine gewaltige Aufgabe. Und natürlich spielt eine Rolle, dass sich der Migrationsdruck aus Ländern wie Syrien verringert hat, nachdem sich die Lage dort stabilisierte. Das kann sich wieder ändern. Aber so ist das im politischen Geschäft: Probleme können fast nie endgültig gelöst werden, dazu verändert sich die Welt zu schnell. Maßnahmen müssen ständig an neue Entwicklungen angepasst werden. In der Migrationspolitik ist das nicht anders als zum Beispiel in der Wirtschaftspolitik. 

Der Begriff der Massenmigration legt nahe, dass die Regierung die Kontrolle über die Grenzen verloren oder aus ideologischen Gründen freiwillig aufgegeben habe. Aber das Gegenteil ist der Fall: Die Migrationspolitik wird seit Jahren kontinuierlich verschärft. Zur Erinnerung: Horst Seehofer hat sich vor ein paar Jahren politisch fast ins Abseits manövriert, weil er eine Obergrenze von 200.000 Flüchtlingen pro Jahr vorschlug.  Diese Grenze wird nun erreicht – und zwar unter einer Regierung, an der die Sozialdemokraten beteiligt sind, sowie zumindest teilweise auf der Basis von Gesetzen, die die Grünen während der Ampelregierung mitverabschiedet haben.

Liest der US-Außenminister keine Statistiken?

Mit anderen Worten: Die Forderung nach einer härteren Migrationspolitik rennt die offenste Tür ein, die es in der deutschen Politik gibt. In den Umfragen schlägt sich die veränderte Sachlage bereits nieder. Nach Angaben der Forschungsgruppe Wahlen sind Flüchtlinge nur noch für 18 Prozent der Deutschen das wichtigste Thema. Im Februar des vergangenen Jahres gaben dies noch 42 Prozent der Befragten an. 

Im Rest Europas verläuft die Entwicklung übrigens ähnlich wie hierzulande. Ob Dänemark, Schweden, Frankreich oder die Niederlande – überall geht die Zahl der Asylanträge zurück. Die Grenzschutzagentur Frontex berichtet, dass die Zahl der illegalen Übertritte an den europäischen Außengrenzen alleine im vergangenen Jahr um 26 Prozent gesunken sei. Für 2026 wird ein weiterer Rückgang vorausgesagt – unter anderem, weil die Asylgesetze auf europäischer Ebene verschärft werden. 

Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder der amerikanische Außenminister (beziehungsweise sein zuständiger Redenschreiber) liest keine Statistiken. Oder er will aus politischen Gründen ein Narrativ am Leben erhalten, das die Spaltung der Gesellschaft verschärft und die Menschen den extremen Parteien zutreibt. 

Vermutung: Es ist nicht der erste Grund.