Gesteigerte Frontex-Aktivitäten im Bereich "Rückkehr": Abschiebung als Rundum-Dienstleistung

09.02.2026 Frontex wirkt nicht nur bei der Abwehr von Menschen, die nach Europa kommen wollen, um Schutz, Sicherheit und ein auskömmliches Leben zu finden. Ein wachsender Tätigkeitsbereich der EU-Behörde ist auch die "Rückkehr" / Abschiebung von Menschen aus Nicht-EU-Ländern, deren Antrag auf Schutz oder Asyl im Schengen-Raum abgelehnt wurde. In einer internen Präsentation »Umsetzung der Frontex-Aktivitäten im Bereich Rückkehr« nannte Frontex Zahlen:

Demnach wurden 2025 über 63 493 Menschen mit Frontex-Beteiligung aus der Europäischen Union gebracht, darunter über ein Drittel unter Zwang...

Die Steigerung der Zahlen soll weiter gehen:

Frontex baut ihre Abschiebe-Aktivitäten systematisch aus. Kernstück ist das »Europäische Rückkehrzentrum« am Warschauer Hauptquartier, das nach einer Verordnungsänderung 2019 eingerichtet wurde. Es bietet Mitgliedstaaten Abschiebungen als Rundum-Dienstleistung an – »klimaneutral und nötigenfalls mit ›Fesselungstechniken‹«.

Bis zum Treffen der EU-Innenminister*innen am 13. März 2026 will Frontex ihre Statistiken zu »Rückführungen« noch genauer auswerten. Bislang erledigt die Grenzagentur nach eigener Auskunft rund 45 Prozent aller rund 130 000 Abschiebungen aus der EU – diese Zahl soll weiter erhöht werden. 

 

Hier der gesamte Pressetext:

Von Bundespolizisten geleitetes Abschiebezentrum in Warschau führt Hälfte aller EU-Abschiebungen durch

Die EU-Grenzagentur Frontex hat die Zahl der von ihr unterstützten »Rückführungen« im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2023 nahezu verdoppelt. Das geht aus einer internen Präsentation hervor, die bei einer Sitzung einer Arbeitsgruppe von EU-Staaten vor zwei Wochen gezeigt wurde. Demnach wurden 2025 über 63 493 Menschen mit Frontex-Beteiligung aus der Europäischen Union gebracht, darunter über ein Drittel unter Zwang. 2023 waren es noch 39 231 »Rückführungen«, von denen fast die Hälfte unfreiwillig erfolgten.

Die Präsentation mit dem Titel »Umsetzung der Frontex-Aktivitäten im Bereich Rückkehr« wurde von der britischen Bürgerrechtsorganisation Statewatch veröffentlicht. Sie betrifft die Ausreise von Menschen aus Nicht-EU-Ländern, deren Antrag auf Schutz oder Asyl im Schengen-Raum abgelehnt wurde. In der Präsentation ist auch von fast 18 000 »Einzelberatungen« für abgelehnte Geflüchtete die Rede, mit Abstand erfolgten die meisten davon nach Informationen des »nd« in Deutschland.

In dem Dokument werden weitere Details für 2025 genannt: So seien etwa 5911 Syrer*innen »freiwillig« mit Frontex-Unterstützung zurückgekehrt, die meisten aus Zypern (39 Prozent) und Deutschland (37 Prozent). Zehn Menschen brachte Frontex bis zum 24. November 2025 »freiwillig« nach Afghanistan.

Frontex baut ihre Abschiebe-Aktivitäten systematisch aus. Kernstück ist das »Europäische Rückkehrzentrum« am Warschauer Hauptquartier, das nach einer Verordnungsänderung 2019 eingerichtet wurde. Es bietet Mitgliedstaaten Abschiebungen als Rundum-Dienstleistung an – »klimaneutral und nötigenfalls mit ›Fesselungstechniken‹«. Geleitet wird das Zentrum von Lars Gerdes, einem ehemaligen Ausbilder der deutschen Bundespolizei, der zuvor die Mission der Bundespolizei in Afghanistan leitete und heute einer der drei Vizedirektor*innen von Frontex ist.

Für die operative Umsetzung von Abschiebungen stellt Frontex drei Kategorien von Personal bereit. Im aktuellen Bericht waren zwischen 2023 und 2025 bei rund 35 650 Fällen sogenannte »Rückkehrspezialisten«beteiligt. Sie arbeiten in EU-Staaten und sollen dort über Botschaften von Herkunftsländern unter anderem bei der Beschaffung von Reisedokumenten assistieren.

Abschiebungen erfolgen mithilfe von »Begleit- und Unterstützungsbeamten für die erzwungene Rückkehr«, die mit an Bord von Flugzeugen sitzen. Diese Angehörigen der bewaffneten Frontex-Reserve unterstützten im selben Zeitraum die Zwangsrückführung von etwa 27 137 Drittstaatsangehörigen.

Zur Unterstützung von freiwillig oder unfreiwillig Zurückgekehrten entsendet Frontex außerdem sogenannte »Europäische Rückkehrverbindungsbeamte«, die bei der Integration im Herkunftsland helfen sollen. Zehn dieser Beamt*innen wurden im Berichtszeitraum in 15 Drittstaaten eingesetzt, dabei seien 1457 Personen unterstützt worden.

Die Linke-Bundestagsabgeordnete Clara Bünger hält die Unterscheidung zwischen »freiwilliger« und »unfreiwilliger« Rückkehr von abgelehnten Geflüchteten für lediglich statistisch. »Viele stehen auch ohne Handschellen unter massivem Druck: Aufenthaltsrecht weg, Arbeitsverbot, gekürzte Leistungen, ständige Angst vor Festnahme«, sagt Bünger zu »nd«. Bleibt als »Alternative« nur die Abschiebung, sei das »keine freie Entscheidung, sondern staatlich erzwungene ›Freiwilligkeit‹«. Oft wüssten Betroffene wegen schlechter Übersetzungen nicht einmal, was sie unterschreiben. »Wer Dokumente nicht versteht, kann nicht freiwillig zustimmen«, so die fluchtpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion.

Bis zum Treffen der EU-Innenminister*innen am 13. März 2026 will Frontex ihre Statistiken zu »Rückführungen« noch genauer auswerten. Bislang erledigt die Grenzagentur nach eigener Auskunft rund 45 Prozent aller rund 130 000 Abschiebungen aus der EU – diese Zahl soll weiter erhöht werden. Frontex kündigte dazu auch zwei neue App-Projekte an: eine »Anwendung zur Überprüfung der Schutzbedürftigkeit« von Asylsuchenden sowie eine Anwendung namens »RECAPP«, mit der offenbar »Rückführungen« koordiniert werden sollen.

Für die schnelle Registrierung und Durchleuchtung ankommender Schutzsuchender hat Frontex im Herbst gemeinsam mit Europol auf Lampedusa einen neuen »Screening-Werkzeugkasten« erprobt. Eine dort erprobte neue Routine zu Identitätsfeststellungen unter Abgabe biometrischer Daten soll die Behörden bei der Umsetzung des neuen Gemeinsamen Asylsystems (Geas) und der enthaltenen EU-Screening-Verordnung unterstützen. Die Maßnahme zielt auf Drittstaatsangehörige, die die Außengrenze auf »nicht-autorisierte Weise« überschritten haben oder Menschen, die nach einer Seenotrettung an Land gebracht werden.