28.05.2026 Eigentlich beinhaltet weltoffen-bonn.de nur das Geschehen um Flucht nach und in Europa. Dabei stehen oft die Einschränkungen und negativen Effekte der Unterbringung und Aufnahme Geflüchteter im Vordergrund. Dass die offene Aufnahme und Integration durchaus Vorteile und Gewinn bringt, zeigt ein Beispiel aus Afrika: Hier gibt es Bildung als Gastgeschenk. Für dessen Schilderung erweitere ich gern die Perspektive:
- nd 22.05.2026: Tschad Eine Oase im Krieg: Wie Geflüchtete aus dem Sudan Adré verändern
In einer Oasenstadt im Tschad zeigen sudanesische Geflüchtete, wie Selbsthilfe funktioniert: mit Computerkursen, Kliniken und einem Traumazentrum.
Von draußen kommen Staub, etwas Licht und das Knattern des Generators. Ein buntes Tuch, das als Tür dient, soll zumindest den Staub etwas draußen halten. Vorne an der Tafel steht Abdallah Aden Abdallah und erklärt die Excel-Tabelle, die er mit Kreide auf die schwarze Fläche geschrieben hat. Abdallah ist 19 Jahre alt und schon Lehrer, jedenfalls für einige Stunden am Tag. Er bringt jungen und älteren Menschen die Grundlagen im Umgang mit dem Computer bei. An anderen Tageszeiten ist er selbst Schüler an der Schule, an der er unterrichtet: Seit zwei Jahren lernt Abdallah Englisch, seine Muttersprache ist Arabisch.
Die Schule steht in Adré, einem Ort im Osten des Tschad, kurz vor der sudanesischen Grenze. Gäbe es das Schild an der Außenmauer nicht, würde man die beiden Strohhütten und den einen gemauerten Raum wohl kaum für ein Bildungsinstitut halten: »El Triyag Institut für Sprachen und Computerausbildung« steht auf dem großen, bunten Schild, in Englisch und Französisch. Ein gemalter Laptop und ein gemalter Desktop-Computer unterstreichen, worum es im Inneren geht. Lehrende und Lernende sind Geflüchtete aus dem Sudan, die Grenze ist weniger als zwei Kilometer entfernt. Aber auch einige Einheimische folgen dem Unterricht, sie sind besonders interessiert an den Englisch- und den Computerkursen des Instituts, denn im Tschad wird von den europäischen Sprachen vor allem Französisch gesprochen.
Bildung als Gastgeschenk
In Adré haben 230 000 Menschen Zuflucht gesucht. Sie seien von den rund 40 000 Einheimischen großzügig und gastfreundlich aufgenommen worden, sagt Schulgründer Adam Abdallah Abdirahman. »Wir möchten ihnen für ihre Gastfreundschaft etwas zurückgeben. Wir werden hoffentlich eines Tages gehen. Bis dahin möchten wir etwas von unserem Wissen mit ihnen geteilt haben.« Viel mehr als ihre Bildung haben die Geflüchteten ihren Gastgebenden nicht anzubieten, die meisten mussten fast ihren ganzen Besitz im Sudan zurücklassen.
»Wir möchten ihnen für ihre Gastfreundschaft etwas zurückgeben. Wir werden hoffentlich eines Tages gehen. Bis dahin möchten wir etwas von unserem Wissen mit ihnen geteilt haben.« Adam Abdallah Abdirahman Gründer »El Triyag Institut für Sprachen und Computerausbildung«
Aber dafür bringen viele sudanesische Geflüchtete eine vergleichsweise gute Schul- oder Hochschulbildung mit. Zwar hatte auch das Bildungssystem im Sudan seine Probleme, war aber deutlich breiter ausgebaut als im Tschad – bis 2023 der brutale Krieg begann, der immer noch andauert.
Krieg zerreißt den Sudan
Seitdem kämpfen im Sudan zwei Generäle um die Macht: Abdel Fattah al-Burhan, der an der Spitze der sudanesischen Streitkräfte steht und de facto Staatschef ist, und Mohamed Hamdan Dagalo, genannt »Hemedti«, Anführer der Miliz Rapid Support Forces (RSF). Ihr Machtkampf hat eine der schwersten humanitären Krisen der Welt ausgelöst. Für 2026 rechnen die Vereinten Nationen mit 33,7 Millionen Menschen im Sudan, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Mehr als 21 Millionen Menschen leiden unter akuter Ernährungsunsicherheit, über 20 Millionen brauchen Gesundheitsversorgung, die vielerorts kaum noch existiert.
Besonders dramatisch ist die Lage für Kinder. Nach Unicef-Angaben benötigen mehr als 17 Millionen Kinder im Sudan humanitäre Hilfe, Millionen sind von Bildung abgeschnitten. Zugleich ist der Krieg zur größten Vertreibungskrise der Welt geworden: Nach UN-Angaben sind inzwischen rund 13,6 Millionen Menschen durch die Kämpfe entwurzelt worden, darunter etwa 9,3 Millionen Binnenvertriebene und 4,3 Millionen Geflüchtete in Nachbarländern.
Für Hilfe fehlt dringend Geld. Auch die Versorgung sudanesischer Flüchtlinge im Tschad gerät zunehmend unter Druck: UNHCR und Welternährungsprogramm warnten im April 2026, dass mehr als eine Million sudanesische Flüchtlinge im Tschad von drastischen Kürzungen bei Nahrung, Wasser, Unterkünften, Schutz und medizinischer Hilfe bedroht sind, falls eine Finanzierungslücke von 428 Millionen US-Dollar nicht geschlossen wird. Das Welternährungsprogramm musste seine Hilfe für die Mehrheit der Flüchtlinge bereits halbieren.
Hilfslieferungen reichen nicht zum Überleben
Adré ist kein Flüchtlingslager, sondern eine Oase. Dass hier so viele Menschen Zuflucht gesucht haben, liegt an dem örtlichen Markt: Viele Geflüchtete hoffen auf Gelegenheitsarbeiten. Von den Hilfslieferungen alleine können sie, selbst wenn sie etwas bekommen, nicht überleben. Deshalb bleiben sie hier, obwohl das UN-Flüchtlingswerk sie lieber in den offiziellen Lagern sähe – auch, weil Adré so nahe an der Grenze liegt, dass die Stadt für die Unterbringung von Geflüchteten als nicht sicher gilt.
Bei der Gründung seiner Schule dachte Adam Abdallah nicht nur an die einheimische Bevölkerung, sondern natürlich auch an diejenigen, die wie er vor den brutalen Kämpfen fliehen mussten. »Sie können hier nichts lernen, können sich kein Wissen aneignen«, sagt der Lehrer. »Deshalb haben ich und eine Gruppe von Lehrern die Initiative ergriffen und bieten jetzt ehrenamtlich unterschiedliche Kurse an.«
Der Traum vom Studium
Die Oase Adré im Tschad ist zum Fluchtort vieler Geflüchteter aus dem Sudan geworden. Von den Einheimischen seien sie großzügig und gastfreundlich aufgenommen worden, sagen sie.
Der Computerlehrer und Englischschüler Abdallah Aden hat sich trotz des Kriegs und seiner Flucht einen Traum bewahrt: Er möchte Softwareingenieur werden. Die Universität schien für ihn schon in Reichweite, ehe die Flucht sein Leben aus der Bahn warf. »Ich war kurz davor, die höhere Schule abzuschließen, als wir fliehen mussten«, bedauert der 19-Jährige.
Die RSF-Miliz hatte Anfang November 2023 Abdallahs Heimatstadt El Geneina in West-Darfur erreicht, er musste mit ansehen, wie die Milizionäre Wohnviertel angriffen und Menschen töten. »Meine Familie hatte große Angst, selbst getötet oder verletzt zu werden. Aber ich war vor allem um meine Bildung besorgt: Ich sollte bald meine Abschlussprüfung schreiben, stattdessen fingen sie einen Krieg an. Wie würde es weitergehen, wenn ich jetzt so kurz vor der Abschlussprüfung die Flucht ergriff, statt die Schule abzuschließen?«
Als er Adré erreichte, hatte Adam Abdallah die kleine Behelfsschule schon gegründet, und der Jüngere setzte sich sofort in den Englischunterricht. Innerhalb von gut zwei Jahren hat er so viel gelernt, dass er in der für ihn neuen Fremdsprache inzwischen problemlos komplexe Unterhaltungen führen kann.
Und die Lehrer (es sind im »El Triyag Institut für Sprachen und Computerausbildung« tatsächlich nur Männer) sind nicht die einzigen, die andere zu unterstützen versuchen und dabei auch die Einheimischen nicht vergessen. Eine andere Gruppe von Geflüchteten macht »Hausbesuche«, unterstützt die Familien mit den größten finanziellen Problemen. Das sind vor allem Witwen und alleinerziehende Mütter, aber auch alte Menschen. Die Geflüchteten sammeln Geld für die besonders bedürftigen, bringen die Spenden in Zelten und anderen Notunterkünften vorbei.
Medizin trotz Mangel
Die Sozialarbeiterin Zahra Adam Chamis Fadoul hat ein Traumazentrum eröffnet. Dort behandeln nun vier ehrenamtliche Psycholog*innen traumatisierte Flüchtlinge, vor allem sind es Frauen. Auch zwei kleine Kliniken gibt es neuerdings in Adré, in denen außer den Geflüchteten auch Einheimische unentgeltlich behandelt werden.
Der Behandlungsumfang ist gering, aber segensreich. So bekommen beispielsweise chronisch Kranke hier ihre Medikamente, Diabetiker Insulin. Und ihre Wunden werden versorgt – sie heilen bei Diabetikern ohnehin schlecht. Und noch schlechter, wenn sie ihre Medikamente nicht nehmen können. Dass die Geflüchteten überhaupt etwas zu verteilen haben, liegt nicht zuletzt an ihrer Umsicht: Apotheker*innen und Ärzt*innen hätten Medikamente auf die Flucht mitgenommen, erzählt Marwa Ibrahim Yahaya, die in der Klinik der Hope and Haven Refugee Association Patientinnen und Patienten in Empfang nimmt, ehe sie sie an eine*n ihrer zwei Kolleg*innen weiterleitet oder selbst behandelt.
Das Trauma sitzt tief
Gemeinsam ist den sudanesischen Helfer*innen nicht nur ihr großer Einsatz, sondern auch die eigene Betroffenheit: Kaum jemand von ihnen steht ein Interview durch, ohne zwischendurch von den eigenen Erinnerungen überwältigt zu werden. Die Gedanken an ihre verschwundenen oder getöteten Angehörigen seien sowieso immer kurz unterhalb der Oberfläche, meint dazu Zahra Adam Chamis Fadoul unter Tränen – und lehnt ab, das Interview abzubrechen.
Sie hat von ihrem ältesten Sohn seit Monaten keine Nachricht mehr erhalten und darüber hinaus vor und während der Flucht viel Schreckliches erlebt. Anderen helfen will sie trotzdem – oder besser gesagt: angesichts ihrer eigenen Erfahrungen erst recht. Sie kann das Leid der anderen umso mehr ermessen. Und wenn es an einem Tag mal gar nicht gehe, ergänzt ihre Kollegin Hafisa Abdirahman Taha, »suche ich selbst das Gespräch mit einer Psychologin, ehe ich am nächsten Tag wieder für andere da sein kann«.
- Wikipedia: Das Flüchtlingslager Aboutengué liegt in der Provinz Wadai im Osten des Tschad, ca. 25 km westlich von Adré. Es entstand 2023 im Zuge der Flüchtlingskrise aufgrund des Kriegs im benachbarten Sudan; Stand 2026 leben dort circa 47.000 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder aus der Region West-Darfur.[1]
Vom 10. bis 19. Juli 2023 baute das UNHCR in Aboutengué Unterkünfte für 45.000 Menschen.[2] 2025 kamen 14.208 Menschen in das Lager[3]; insgesamt hat der Tschad circa 920.000 Flüchtlinge aus der Kriegsregion aufgenommen, was etwa 40 % der Flüchtlinge ausmacht[4], die außerhalb des Sudan Schutz suchen. Im Osten des Tschad, der bereits zuvor als medizinisch schlecht versorgtes Gebiet galt, führte der Zustrom zu einem starken Nachfrageanstieg nach medizinischen Gütern, welche unter anderem die Organisation Ärzte ohne Grenzen zu befriedigen sucht. Während der Regenzeit besteht besonders die Gefahr von Malariainfektionen und Durchfallerkrankungen.[5]