Interview über Syrien-Rückkehr: Keine Erfolgsgeschichte. "Ich habe meine Heimat gesucht – und ein fremdes Land gefunden."

05.02.2026 Aus den News von Pro Asyl:

Über zwei Jahre lebte der 23-jährige Mohamed M.* in Deutschland. Im Spätsommer 2025 entschloss er sich, nach Syrien zurückzukehren und seinen gültigen Aufenthaltsstatus in Deutschland aufzugeben. Heute lebt er in einem von der Übergangsregierung kontrollierten Gebiet in Syrien – und bereut seine Entscheidung.

Seit einem knappen halben Jahr sind Sie nun zurück in Syrien. Wie geht es Ihnen heute?

Ich lebe in einem Zustand permanenter innerer Unruhe und in einem ständigen Konflikt mit der Außenwelt. Ich habe hier keine Familie mehr, keine echte Unterstützung, keinen Rückhalt. Viele Nächte sind sehr dunkel – so dunkel, dass Suizidgedanken auftauchen. Gleichzeitig sage ich mir immer wieder, dass es noch Hoffnung gibt, auch wenn sie vielleicht länger auf sich warten lässt.

Was hatte Sie denn dazu bewegt, Deutschland zu verlassen und nach Syrien zurückzukehren?

Es war die Sehnsucht nach meiner Heimat. Ich wollte nicht einfach zurück, sondern in einem neuen Syrien etwas aufbauen: ein kleines Projekt, einen Beitrag zum Wiederaufbau leisten, jungen Menschen Arbeit geben.

Außerdem haben mir die politischen Diskussionen in Deutschland Angst gemacht, die sich immer mehr um Abschiebungen drehten. 

Also eine Rückkehr voller Hoffnung.

Ja, ich wollte, dass meine Rückkehr eine Erfolgsgeschichte wird. Ich wollte nützlich sein, Spuren hinterlassen und zeigen, dass junge Menschen Teil eines positiven Wandels sein können. Ich dachte, mein Land würde mich mit offenen Armen empfangen. Diese Hoffnung hat sich sehr schnell zerschlagen. Ich habe meine Heimat gesucht – und ein fremdes Land gefunden.

Wie hat sich der Alltag in Syrien nach der Machtübernahme durch die Gruppe »Hay’at Tahrir al-Sham« (HTS) und Ahmed al-Sharaa verändert?

Ich kann nicht so reden oder mich kleiden, wie ich möchte oder meine Haare länger tragen, wie in Deutschland. Die Gesellschaft ist konservativer geworden, und die Freiheit, an die ich mich erinnere, ist jetzt eingeschränkt. Oft fühle ich mich unter Druck wegen meines Aussehens oder meiner Handlungen, die in Europa ganz normal waren.

Am Anfang hatte ich trotz aller Härte der HTS Hoffnungen auf die Entwicklung des Landes und auf bessere Lebensbedingungen. Doch die Realität ist eine andere: Die Machthabenden in Syrien haben zwar gewechselt, aber es gibt weiterhin Unterdrückung und Korruption. Die aktuelle Übergangsregierung stützt sich nicht auf Fachwissen oder Erfahrung, sondern auf Loyalität und frühere Kriegskameradschaften. Sie ist absolut ungeeignet, ein Land zu führen. 

Das sind düstere Prognosen. 

Es ist ein neues diktatorisches System, das gerade entsteht und von einem einzigen Mann beherrscht wird. Um den Sitz und die Macht zu behalten, geht er vor allem gegen Minderheiten vor, aber auch gegen Angehörige der sunnitischen Mehrheit, so wie ich, die den neuen Machthabern kritisch gegenüberstehen. Die Massaker an den Alawiten und Drusen haben gezeigt, zu was das neue Regime fähig ist. Einige von Assad Vertriebene konnten zwar in ihre zerstörten Häuser zurückkehren. Aber das allein macht noch kein freies oder gerechtes Land. Ich stehe noch immer unter Schock, dass einige, die sich während der Revolution Freiheitskämpfer nannten, heute ein Werkzeug der Unterdrückung sind. 

Wie unterscheidet sich diese Realität von der medialen Darstellung in Deutschland und Europa?

Das Bild, das in sozialen Medien und al-Sharaa-nahen Kanälen, aber auch in vielen deutschen Medien vermittelt wird, hat mit der Realität wenig zu tun. Die angebliche Meinungsfreiheit dient der Regierung in Damaskus vor allem dazu, ihr Image nach außen aufzupolieren. Der syrische Bürger selbst hat weiterhin keine Möglichkeit, seine Rechte einzufordern. Wer Kritik äußert, wird als Verräter, Assad-Anhänger oder Verschwörer abgestempelt. Es ist bitter, dass Freiheit und Demokratie – die zentralen Forderungen der Revolution – dem Volk heute genommen werden.

Was vermissen Sie aus Ihrem Leben in Deutschland am meisten?

Freiheit und Demokratie. Sicherheit und Stabilität. Und meine engsten Freunde – sie waren meine Familie. Ich vermisse alles, was ein Leben lebenswert macht.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie die Rückkehr bereuen?

Schon in den ersten Wochen nach meiner Ankunft bemerkte ich, dass ich in Syrien nicht leben kann. Innerhalb von fünf Wochen hatte ich einen kleinen Imbiss aufgebaut, wollte diesen dann aber direkt nach der Eröffnung einem Freund übergeben und wieder nach Deutschland zurückkehren. Bis heute kann ich mich nicht anpassen. Ich lebe in einem dauerhaften inneren psychischen Konflikt.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Die Zukunft hier ist für mich eine Wahl zwischen Untergang – oder Kampf, Geduld und dem Versuch, aus diesem Sumpf herauszukommen. Beides ist schwer.

Wenn Anpassung schwierig ist und Rückkehr noch schwieriger, muss man seine Vorstellung von Heimat überdenken. Heimat ist nicht zwingend der Ort, an dem man geboren wurde. Heimat ist dort, wo deine Freiheit, deine Zukunft und die Zukunft deiner Kinder garantiert sind.

*Der Name wurde zum Schutz des Betroffenen geändert