17.01.2026 Die CSU-Forderung nach einer "Abschiebeoffensive" - medienwirksam vor der Klausurtagung 2026 in Seeon propagiert - erntete von Beginn an Widerspruch, nicht nur von Menschenrechtsorganisationen. Auch führende Wirtschaftsvertreter sprachen dagegen.
In seiner wöchentlichen Kolumne in der Zeit bezeichnet Marcel Fratzscher, Präsident des DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) und Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin die Forderung als
ein ökonomisches Eigentor ... ein gesellschaftlicher Rückschritt. Der CSU-Vorschlag ist reiner Populismus.
und stellt fest
Migration ist kein Kostenfaktor, sondern ein Gewinn
- Zeit 12.01.2026 Eine Abschiebeoffensive wäre ökonomischer Unsinn
Eine Kolumne von Marcel Fratzscher
Die CSU will Hunderttausende abschieben. Das wäre ein Wohlstandsrisiko. Flüchtlinge arbeiten oft in systemrelevanten Berufen und stabilisieren die Sozialkassen.
Die CSU hat eine Abschiebeoffensive vorgeschlagen – mit Linienflügen nach Afghanistan und Syrien. Das wäre für Deutschland ein ökonomisches Eigentor und ein gesellschaftlicher Rückschritt. Der CSU-Vorschlag ist reiner Populismus. Er widerspricht dem Kern des deutschen Asylrechts und ignoriert die empirisch belegten wirtschaftlichen Chancen gelungener Integration. Angesichts der demografischen Alterung und des dramatischen Arbeitskräftemangels wäre dieses Vorhaben ökonomisch kontraproduktiv, für Unternehmen belastend und volkswirtschaftlich teuer.
Deutschland steht bekanntlich vor einer demografischen Zäsur. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente, Jahr für Jahr scheiden mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt aus, als nachrücken. Für die Unternehmen ist das längst Realität. In vielen Branchen sind fehlende Beschäftigte der entscheidende Engpass – nicht fehlende Nachfrage. Wer nun Hunderttausende Menschen, die bereits hier sind, arbeiten oder arbeiten könnten, aus dem Land drängen will, verschärft die Lage. Das ist keine Wende, wie es die CSU bezeichnet, sondern eine Selbstschädigung.
Die Arbeitsmarktentwicklung zeigt zudem klar, wie wichtig Migration bereits heute für die Stabilität der deutschen Beschäftigung ist. In den vergangenen Jahren gab es einen Zuwachs an Beschäftigung nur durch Menschen aus dem Ausland – lediglich mit Menschen aus dem Inland oder EU-Ausland wäre dies nicht zu schaffen gewesen. Das ist keine Meinung, sondern ein statistischer Befund, den auch wirtschaftspolitische Analysen in Deutschland immer wieder betonen.
Besonders deutlich lässt sich das am Beispiel syrischer Staatsangehöriger zeigen. Das IAB weist aus, dass im September 2024 rund 287.000 syrische Staatsangehörige abhängig beschäftigt waren, davon 82 Prozent sozialversicherungspflichtig. Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit dokumentiert zudem, dass die Beschäftigungsquote syrischer Staatsangehöriger seit 2016 stark gestiegen ist und ein relevanter Teil des ausländischen Beschäftigungswachstums zuletzt auf syrische Beschäftigung entfiel. Das sind keine Randgruppen, wie es bei der CSU heißt, sondern längst ein relevanter Teil des Arbeitsmarkts.
Der Verlust von mehr als 200.000 Beschäftigten aus dem Arbeitsmarkt bedeutet kurz- und mittelfristig eine konjunkturelle Abwärtsspirale. Beschäftigung sinkt, Unternehmen produzieren weniger, Einkommen und Konsum gehen zurück – ebenso die Nachfrage. Gerade in ohnehin schwierigen Zeiten kann das eine erneute Rezession auslösen. Das wird häufig unterschätzt, weil Migration oft nur als Verteilungsfrage diskutiert wird. In Wahrheit ist sie auch eine Wachstumsfrage. Wenn Arbeitskräfte fehlen, werden Aufträge nicht abgearbeitet, Dienstleistungen nicht erbracht, Investitionen verschoben. Das trifft auch Deutsche unmittelbar: Weniger Produktion bedeutet weniger Einkommen, weniger Wohlstand und oft auch weniger Arbeitsplatzsicherheit in den betroffenen Unternehmen.
Migration ist kein Kostenfaktor, sondern ein Gewinn
Der Schaden wäre besonders groß, weil viele Geflüchtete in systemrelevanten Bereichen arbeiten – in Medizin, Gesundheit und Pflege, Logistik, Verkehr, Bau, Reinigung, Gastronomie und Grundversorgung. Gerade hier ist der Personalmangel schon heute spürbar: längere Wartezeiten, höhere Preise, geschlossene Angebote, überlastete Dienste. Der Mediendienst Integration verweist darauf, dass Menschen syrischer Herkunft überproportional häufig in Engpassberufen tätig sind; bei syrischen Männern liegen Schwerpunkte etwa in Verkehrs- und Logistikberufen, im Gastgewerbe, im Gesundheitswesen und im Bau. Wer hier Arbeitskräfte entfernt, sorgt nicht für mehr Ordnung, sondern macht das tägliche Leben schwerer – und teurer. Denn Knappheit treibt Preise, bei Pflegeplätzen, Handwerksleistungen, Transport, Gastronomie, vielen Dienstleistungen. Die soziale Frage wird dadurch verschärft, nicht gelöst.
Hinzu kommt die fiskalische Dimension, die in der Debatte oft verzerrt wird. Migration verursacht zunächst Kosten – das ist banal und selbstverständlich: Unterbringung, Sprachkurse, Verwaltung, Integration kosten Geld. Aber daraus zu folgern, Migration sei dauerhaft ein Minusgeschäft, ist empirisch nicht haltbar. Eine oft zitierte ZEW-Berechnung zeigt, dass die 6,6 Millionen Ausländerinnen und Ausländer, die 2012 in Deutschland lebten, im Laufe ihres restlichen Lebens insgesamt rund 147,9 Milliarden Euro mehr an Steuern und Sozialbeiträgen zahlen, als sie an Transfers erhalten. Auch neuere Analysen betonen: Entscheidend ist nicht die Ankunft, sondern die Erwerbsintegration. Auf kommunaler Ebene untersucht eine aktuelle ifo-Studie (mit Daten von 2010 bis 2019), wie Zuwanderung Ausgaben und Einnahmen beeinflusst, und macht deutlich, dass man die fiskalische Wirkung seriös nur über beide Seiten – Einnahmen und Ausgaben – bewerten kann.