Plädoyer für Investitionen in frühe, verlässliche und gute Bildung Geflüchteter statt in Schutz der Grenzen und Abschiebung

07.02.2026 Ein weiteres Mal zitieren wir die Zeit-Kolumne von Marcel Fratzscher:

Mehr als zwei Drittel der 3,3 Millionen Geflüchteten in Deutschland sind arm. Besonders renditestark wäre Bildung, die Armut verhindert. Doch diese Investition fehlt.

Deutschland debattiert über Migration, während in den vielen Werkhallen, Krankenhäusern und Pflegeheimen Schichten unbesetzt bleiben und in Klassenzimmern Talente warten. Deutschland investiert viel Geld in den Schutz der Grenzen, gibt auch viel Geld für Abschiebungen aus – doch eine besonders renditestarke Maßnahme ist eine andere: frühe, verlässliche und gute Bildung. Für unzählige Geflüchtete ist sie der Unterschied zwischen Stillstand und Aufstieg, immerhin leben mehr als 3,3 Millionen geflüchtete Menschen in unserem Land, etliche schon seit Jahren. 

Doch zu viele von ihnen bleiben in Armut gefangen, abgeschnitten von Chancen auf Bildung, Arbeit und Teilhabe. Das ist nicht nur ein soziales Versagen. Es ist auch ein ökonomisches. Denn jede ungenutzte Begabung, jedes unentdeckte Talent ist ein Verlust – für unsere Gesellschaft und für unsere Wirtschaft.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin zeigt in einer aktuellen Studie: Geflüchtete in Deutschland sind in besonders hohem Maß von Armut betroffen. Rund zwei Drittel leben unterhalb der Armutsgrenze, häufig in prekären Wohn- und Arbeitsverhältnissen. Viele beziehen Sozialleistungen, und zwar nicht, weil sie nicht arbeiten wollen, sondern weil sie nicht können. Etwa, weil Sprachkenntnisse, Anerkennung von Qualifikationen oder passende Bildungsangebote fehlen. Der Aufstieg über Bildung gelingt nur wenigen, und die Einkommensunterschiede zu Einheimischen bleiben auch nach Jahren erheblich. Diese Armut hat strukturelle Ursachen – und sie kostet Deutschland Wohlstand. 

Armut ist kein Schicksal und hat keine Hautfarbe oder Religion, sondern sie ist vor allem eine politische Entscheidung. Sie entsteht, wenn wir zulassen, dass Kinder von Geflüchteten in schlecht ausgestatteten Schulen lernen, dass Sprachförderung Glückssache bleibt und der Zugang zu Ausbildung und Studium vom Aufenthaltsstatus abhängt. Wenn Menschen dauerhaft ausgeschlossen bleiben, schwächt das den gesellschaftlichen Zusammenhalt – und mindert die Produktivität unserer Volkswirtschaft.

Bildung als Schlüssel

Das jüngste Positionspapier des Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR) macht deutlich, dass der Schlüssel zur Teilhabe und Armutsbekämpfung in der Bildung liegt, und zwar auf allen Ebenen, von der Kita bis zur Hochschule. Frühkindliche Bildung entscheidet über Lebenschancen. Doch Kinder aus geflüchteten Familien besuchen seltener eine Kita, weil Gebühren, Sprachbarrieren oder Diskriminierung den Zugang erschweren. Dabei hat die Forschung längst bewiesen: Investitionen in die Bildungschancen der Jüngsten zahlten sich volkswirtschaftlich am stärksten aus. Die sogenannte "Heckman-Kurve" (benannt nach dem US-amerikanischen Nobelpreisträger James Heckman) zeigt, dass ein Euro in frühe Bildung den höchsten gesellschaftlichen Ertrag bringt.

Wer den Aufstieg von Geflüchteten ernst meint, muss deshalb in die Qualität und Zugänglichkeit von Kitas investieren – mit mehr Personal, Sprachförderung und einer verpflichtenden Vorschulzeit für alle Kinder. Schulen sollten endlich so finanziert werden, dass sie dort am meisten Mittel erhalten, wo die Herausforderungen am größten sind. Das Startchancen-Programm der Bundesregierung geht in die richtige Richtung: Es verteilt Gelder nach sozialem Index und schafft gezielte Unterstützung für benachteiligte Schulen. Doch es muss zum Standard werden.

Zudem müssen Lehrkräfte besser auf die Realität einer diversen Gesellschaft vorbereitet sein. Vier von zehn Kindern in Deutschland wachsen heute in Familien mit Zuwanderungsgeschichte auf. Diese Vielfalt ist ein Gewinn, wenn sie anerkannt und gefördert wird. Lehrkräfte brauchen daher Unterstützung und Ausbildung in "Deutsch als Zweitsprache" und interkultureller Pädagogik. Ebenso sollten mehr zugewanderte Pädagoginnen und Pädagogen in Kitas und Schulen arbeiten dürfen. Sie bringen nicht nur dringend benötigtes Fachwissen mit, sondern schlagen auch Brücken zwischen verschiedenen Kulturen – vorausgesetzt, ihre Abschlüsse werden unbürokratisch anerkannt.

In der öffentlichen Debatte über Migration dominieren oft Ängste statt Fakten. Dabei ist längst belegt, dass Geflüchtete einen wichtigen Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands leisten können. In meinen Kolumnen habe ich immer wieder die Schlussfolgerungen etlicher wissenschaftlicher Studien betont: Migration ist eine kluge und notwendige Investition in unsere Zukunft. Schon heute tragen zugewanderte Beschäftigte erheblich zum Steuer- und Sozialsystem bei, sie stärken unsere Fachkräftebasis und beleben die Innovationskraft vieler Branchen. 

Doch das volle Potenzial bleibt ungenutzt, wenn Menschen mit Fluchtbiografie jahrelang von Arbeit, Bildung und Teilhabe ausgeschlossen werden. Integration erfordert politische Weitsicht und gezielte Investitionen. Es ist irrational, Milliarden in Grenzschutz und Abschreckung zu stecken, aber an Sprachkursen, Schulplätzen oder Berufsausbildungsprogrammen zu sparen.

Gerade in Zeiten des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels kann sich Deutschland diesen Stillstand nicht leisten. Wir brauchen Zuwanderung, und wir brauchen gelingende Integration. Jeder junge Mensch, der keinen Schulabschluss schafft, jeder Erwachsene, der unter seiner Qualifikation arbeitet, ist Ausdruck eines ineffizienten Systems. Bildung ist kein Kostenfaktor, sondern die rentabelste Investition, die ein Land tätigen kann.

Gezielte Förderung statt symbolischer Politik

Der Sachverständigenrat fordert daher zu Recht: Neuzugewanderte Kinder müssen sofort Zugang zu Schule und Kita erhalten, nicht erst nach Monaten in Erstaufnahmeeinrichtungen. Übergangs- und Sprachförderangebote müssen qualitativ hochwertig sein, sind aber kein Ersatz für Regelunterricht. Getrennte Willkommensklassen sind pädagogisch wie sozial kontraproduktiv. Kinder lernen am besten gemeinsam – mit gezielter Unterstützung statt Separation.

Auch in der beruflichen Bildung gibt es Nachholbedarf. Geflüchtete junge Erwachsene brauchen mehr Zeit und Flexibilität, um eine Ausbildung abzuschließen. Besonders Frauen mit Fluchtgeschichte stoßen auf zusätzliche Hürden, weil Betreuungspflichten oder Behördenpraxis sie vom Arbeitsmarkt fernhalten. Eine Gleichstellung in der Förderung und eine Ausweitung der Berufsschulpflicht bis zum 25. Lebensjahr wären sinnvolle Schritte.

Dass Kinder aus armen oder geflüchteten Familien schlechtere Bildungschancen haben, ist das Ergebnis politischer Prioritätensetzung. Dabei ist Aufstieg möglich, das zeigt meist die zweite Generation: Viele Kinder, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, holen schulisch auf und erreichen heute häufiger die Hochschulreife. Diese Erfolge belegen, dass Integration funktioniert, wenn man sie ermöglicht.

Die ökonomische Botschaft ist klar: Wer in Bildung investiert, investiert in Wachstum, Innovation und gesellschaftliche Stabilität. Das müssen wir uns leisten.