27.01.2026 Aus den News von Pro Asyl:
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»Wir können nur erahnen, was sie alles durchmachen mussten«
Die meisten Schutzsuchenden, die Italien auf dem Seeweg erreichen, kommen in Lampedusa und Sizilien an. Dort unterstützt sie die PRO ASYL-Partnerorganisation Maldusa beim Zugang zum Asylverfahren. Wir haben mit Edoardo Avio und Chiara Denaro über ihre Arbeit bei Maldusa an der südlichen Außengrenze und über die EU-weite Asylrechtsreform gesprochen.
Das Interview wurde auf Englisch geführt und von PRO ASYL ins Deutsche übersetzt.
Wenn Schutzsuchende auf der italienischen Insel Lampedusa von Bord gehen, heißt ihr sie nach einer oftmals tagelangen und traumatischen Überfahrt willkommen. Wie erlebt ihr die Menschen direkt nach der Ankunft bei eurer ersten Begegnung?
Edoardo: Die Menschen, die aus Libyen und Tunesien fliehen, sind in der Regel äußerst erschöpft, wenn wir sie am Pier antreffen. Erst vor kurzem trafen wir einen Mann aus Gambia, der uns erzählte, dass er gemeinsam mit anderen Schutzsuchenden in Libyen geschlagen und eingesperrt wurde und nur gegen Lösegeld freigekommen sei. Manche bedanken sich bei der Ankunft bei uns überschwänglich – für die grundlegendsten Dinge wie Tee, eine Toilette oder ein warmes Wort. Andere wirken nicht einmal erleichtert,ihre Körper sind von Folter gezeichnet. Wir können nur erahnen, was sie alles durchmachen mussten.
Und was hört ihr von Menschen, die aus Tunesien geflohen sind?
Edoardo: Dass sie in Tunesien keinen Zugang zu Schutz erhalten haben. Über zwei Jahre nach dem EU-Tunesien-Deal ist überdeutlich, dass Schutzsuchende dort gesellschaftlich ausgegrenzt werden und zum Teil schwere Gewalt durch tunesische Behörden erfahren. Eins ist klar: Weder Libyen noch Tunesien sind sichere Länder für Schutzsuchende.
Im Juni 2026 tritt die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) in Kraft, die Hafteinrichtungen und Schnellverfahren an den EU-Außengrenzen voraussichtlich zur Norm machen wird. Welche Veränderungen erwartet ihr auf Lampedusa?
Edoardo: Lampedusa ist aufgrund seiner Lage an der südlichen EU-Außengrenze bereits seit längerem im Fokus des europäischen Flucht- und Asylregimes. In den letzten Wochen haben wir mitbekommen, dass Frontex und die europäische Asylagentur EUAA im Hotspot Lampedusa ein neues Überprüfungsverfahren getestet hat – offensichtlich in Vorbereitung auf die Umsetzung des EU-Pakts. Diese »Screening Toolbox« soll bald an allen EU-Außengrenzen angewendet werden. Dabei kommt wohl auch ein neues System der biometrischen Datenerfassung zum Einsatz, mit dem Menschen direkt nach der Ankunft identifiziert und registriert werden. Wir von Maldusa werden die weitere Umsetzung kritisch beobachten.
Maldusa ist auch Teil des »Sizilien Monitoring Projekts«, das die Umsetzung der GEAS-Reform in Sizilien beobachtet…
Chiara: Ja, denn auch Sizilien ist schon seit Jahren ein Experimentierfeld für Verschärfungen im Bereich Flucht und Asyl. Vieles, was die EU-Asylrechtsreform ab Juni 2026 vorsieht, wurde hier bereits erprobt: Erst wurde das Hotspot-System mit De-facto-Haft eingeführt, dann wurden in Modica-Pozzallo und in Porto Empedocle Hafteinrichtungen für Grenzverfahren unter anderem für Asylsuchende aus sogenannten sicheren Herkunftsländern gebaut. Das Ziel dieser Modelle ist jeweils dasselbe wie das der anstehenden GEAS-Reform: Den Zugang zu Asyl durch De-facto-Inhaftierung zu begrenzen. In den Hafteinrichtungen werden sowohl der Zugang zu rechtlicher Beratung und Vertretung als auch die Kommunikation nach außen strukturell behindert oder unterbunden.
Seit Jahren kämpft ihr auf Lampedusa und Sizilien für die Verteidigung der Rechte von Asylsuchenden. Wie organisiert ihr euch, um gegen Entrechtung und insbesondere gegen die Inhaftierungen vorzugehen?
Edoardo: Es ist enorm wichtig, frühzeitig mit Schutzsuchenden in Kontakt zu kommen, um sie über ihre Rechte zu informieren. Deshalb ist unsere Anwesenheit in Lampedusa auch so wichtig. Über eine Hotline versuchen wir, mit den Menschen in Kontakt zu bleiben, auch nachdem sie nach Sizilien oder in andere Teile Italiens verlegt worden sind. Denn manche werden später für das (vermeintliche) Steuern eines Bootes strafrechtlich belangt oder inhaftiert.
Was macht ihr in solchen Fällen?
Edoardo: Bei Bedarf verweisen wir sie an solidarische Netzwerke wie zum Beispiel Captain Support oder an Anwält*innen der juristischen Vereinigung Association for Juridical Studies on Immigration (ASGI), die eine wichtige Rolle beim Kampf gegen diese Kriminalisierung spielen.
Auch die italienische Justiz scheint sich der Absicht der italienischen Regierung, systematisch Asylsuchende einzusperren, immer wieder entgegenzustellen.
Chiara: Ja, italienische Richter*innen haben die Inhaftierung von Asylsuchenden aus Herkunftsländern, die in Italien als »sicher« eingestuft sind, in den vergangenen Jahren bis auf wenige Ausnahmen abgelehnt. Das hat dazu geführt, dass die beiden sizilianischen Haftzentren in Modica-Pozzallo und Porto Empedocle, die für beschleunigte Grenzverfahren vorgesehen waren, monatelang leer standen. Aus demselben Grund hat dann auch das sogenannte Albanien-Modell, also der Versuch der italienischen Regierung, Asylsuchende in einem Haftlager in Albanien zu inhaftieren und ihr Asylverfahren dort durchzuführen, nicht funktioniert: Das zuständige Gericht in Rom hat die Inhaftierung abgelehnt. Trotz mehrerer Versuche von Giorgia Meloni mussten die Asylsuchenden schlussendlich nach Italien gebracht werden.
Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg hat im August 2025 entschieden, dass Herkunftsländer nur dann als »sicher« eingestuft werden können, wenn dort alle Menschen ausreichend geschützt sind. Für Melonis Regierung und ihre Pläne zur Inhaftierung von Asylsuchenden war das eine herbe Niederlage.
Chiara: Genau. Die italienische Regierung sah sich aufgrund der massiven gerichtlichen Niederlage gezwungen, den Zweck der albanischen Lager zu verändern. Meloni nennt sie nun offiziell »Return Hubs« (»Rückführungszentren«) – das heißt, sie werden nicht länger für beschleunigte Asylverfahren für Asylsuchende verwendet, sondern als Abschiebehaftanstalten für Menschen, deren Asylantrag abgelehnt wurde. Der Druck und die Isolation in den Zentren in Albanien setzen den Menschen enorm zu. Immer wieder hören wir von selbstverletzendem Verhalten. Rechtlich und menschlich ist natürlich auch dieses Modell höchst fragwürdig. Und auch aus Regierungssicht funktioniert es bisher nicht gut, denn die meisten Menschen müssen nach rechtlichen Interventionen zurück nach Italien gebracht werden.
Heißt das, dass das Albanien-Modell endgültig gescheitert ist?
Das bleibt abzuwarten. Denn die EU-Asylrechtsreform erleichtert ab Juni 2026 die Einstufung von Herkunftsländern als »sicher«. Es reicht dann aus, dass nur bestimmte Gebiete in einem Land als sicher gelten oder nur bestimmte Gruppen dort ausreichend geschützt sind. Das erleichtert es Regierungen, Herkunftsländer als »sicher« zu deklarieren und bei Schutzsuchenden aus diesen Ländern beschleunigte Asylverfahren in Haft durchzuführen. Und auch unabhängig davon rechnen wir damit, dass deutlich mehr Menschen in Haft landen werden, weil zukünftig alle Schutzsuchenden, für deren Herkunftsländer die EU-weite Anerkennungsquote unter 20 Prozent liegt, ein beschleunigtes Asylverfahren an der Grenze durchlaufen müssen.
Italien muss für diese neuen Außengrenzverfahren ungefähr 8.000 Plätze bereithalten. Das entspricht EU-weit rund 28 Prozent aller Kapazitäten. Wo könnten die dafür notwendigen und faktisch geschlossenen Einrichtungen stehen?
Chiara: Die Mitgliedsstaaten haben bis April 2026 Zeit, die EU-Kommission über die genauen Standorte für die neuen Grenzverfahren zu informieren. Laut einem italienischen Ministerialbeschluss sind italienweit verschiedene Regionen als Grenze definiert. Es kann also sein, dass die sogenannten Grenzverfahren nicht nur an der geografischen EU-Außengrenze im Süden Italiens durchgeführt werden. Wir gehen aber davon aus, dass die italienische Regierung zuerst die bereits existierenden Hotspot- und Haft-Infrastrukturen in Sizilien und Kalabrien nutzen wird, die sie in den letzten Jahren aufgebaut hat.
»Wir befürchten, dass die Änderungen durch die GEAS-Reform die Situation weiter verschärfen werden«
Wie bereitet ihr euch auf die anstehenden Veränderungen vor?
Chiara: Unsere Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass beschleunigte Grenzverfahren eine massive Einschränkung grundlegender Rechte von schutzsuchenden Menschen darstellen. Wir befürchten, dass die Änderungen durch die GEAS-Reform die Situation weiter verschärfen werden. Aber ich erwarte auch, dass sich mit der Umsetzung der GEAS-Reform die rechtlichen und politischen Kämpfe vervielfältigen werden.
Edoardo: Wir werden die Auswirkungen der GEAS-Reform hier an der südlichen EU-Außengrenze auf Lampedusa und Sizilien jedenfalls genau verfolgen und Geflüchtete, wo nötig, weiterhin dabei unterstützen, ihre Rechte wahrzunehmen.
Über Maldusa
Das Projekt Maldusa hat zwei Standorte in Süditalien: In Palermo betreibt Maldusa ein soziales Zentrum als Begegnungsort für Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte, für lokale Akteure, Neu-Ankommende und Besucher*innen. In Lampedusa liegt der Fokus auf der Dokumentation von Ankünften, der praktischen Unterstützung von Schutzsuchenden und kritischer Öffentlichkeitsarbeit. Edoardo Avio ist aktuell Koordinator der Station auf Lampedusa. Chiara Denaro arbeitet bei Maldusa und beteiligt sich an dem Dokumentationsprojekt »Sizilien Monitoring Projekt«.
PRO ASYL unterstützt die Arbeit von Maldusa seit 2023 finanziell.