Weltflüchtlingstag: Memorandum von 275 Organisationen „Es geht auch anders! Gemeinsam für Schutz und Zusammenhalt“

19.06.2026 Zum Welt­flücht­lings­tag stellt sich ein brei­tes zivil­ge­sell­schaft­li­ches Bünd­nis aus Wohl­fahrt, Men­schen­rechts­ar­beit, Kir­chen und Zivil­ge­sell­schaft unter dem Mot­to „Es geht auch anders! Gemein­sam für Schutz und Zusam­men­halt“ gegen die Ent­rech­tung von schutz­su­chen­den Men­schen. 75 Jah­re nach Ver­ab­schie­dung der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on for­mu­lie­ren sie in einem Memo­ran­dum eine Zukunfts­vi­si­on für einen star­ken Flücht­lings­schutz, von dem alle profitieren.

Mit diesen Worten beginnt die heutige Pressemitteilung von Pro Asyl275 Organisationen fordern zum Umdenken im Flüchtlingsschutz auf: Es geht auch anders!

„Wenn sich 275 Orga­ni­sa­tio­nen aus der Brei­te der Zivil­ge­sell­schaft für einen men­schen­rechts­ba­sier­ten Flücht­lings­schutz zusam­men­schlie­ßen, soll­te Ber­lin sehr genau hin­hö­ren. Die Ent­rech­tung schutz­su­chen­der Men­schen trifft nicht nur die Betrof­fe­nen – sie spal­tet die Gesell­schaft, beschä­digt den Rechts­staat und schwächt die Demo­kra­tie. Wer Zusam­men­halt will, muss Men­schen- und Schutz­rech­te stär­ken statt abbau­en“, so Helen Reze­ne, Geschäfts­füh­re­rin von PRO ASYL.

Memo­ran­dum für einen star­ken Flüchtlingsschutz

Das heu­te ver­öf­fent­lich­te Memo­ran­dum „Es geht auch anders! Gemein­sam für Schutz und Zusam­men­halt“ wird von Amnes­ty Inter­na­tio­nal, AWO Bun­des­ver­band, Deut­scher Pari­tä­ti­scher Wohl­fahrts­ver­band, Dia­ko­nie Deutsch­land, Han­di­cap Inter­na­tio­nal und PRO ASYL her­aus­ge­ge­ben und von 275 Orga­ni­sa­tio­nen, dar­un­ter 68 Bun­des­or­ga­ni­sa­tio­nen inklu­si­ve der Evan­ge­li­schen Kir­che Deutsch­land, mitgetragen.

Mit Ver­ab­schie­dung der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on vor 75 Jah­ren wur­den die Rech­te von Men­schen, die Schutz vor Ver­fol­gung suchen, völ­ker­recht­lich ver­an­kert. Das bedeu­tet, Staa­ten müs­sen aktiv Ver­ant­wor­tung über­neh­men und dür­fen die­se nicht ande­ren Län­dern aufdrängen.

In dem Memo­ran­dum ent­wer­fen die Orga­ni­sa­tio­nen eine Zukunfts­vi­si­on für einen star­ken und soli­da­ri­schen Flücht­lings­schutz im 21. Jahrhundert:

“Ver­folg­te Men­schen fin­den Schutz. Staat­li­che Gren­zen ste­hen dem Recht des Ein­zel­nen auf ein Leben in Sicher­heit und Wür­de nicht ent­ge­gen. […] Ein Flücht­lings­schutz, der die­sem Anspruch gerecht wird, ist mög­lich. Was dafür gestärkt wer­den muss, ist das, was uns als Gesell­schaft trägt: Soli­da­ri­tät, Respekt im Umgang mit­ein­an­der und die Bereit­schaft, das Gemein­sa­me über das Tren­nen­de zu stel­len. Das ist die Basis für einen Flücht­lings­schutz, der für alle funk­tio­niert und das Zusam­men­le­ben ins­ge­samt verbessert.”

„Wor­über wir jetzt reden wol­len“ – Impul­se und Visionen

In dem Memo­ran­dum geben die Orga­ni­sa­tio­nen kon­kre­te Impul­se, wie ein funk­tio­nie­ren­der Flücht­lings­schutz gelin­gen kann. Auf­ge­teilt auf fünf Hand­lungs­fel­der, haben sie The­men iden­ti­fi­ziert, über die Poli­tik und Gesell­schaft reden sollten:

1.     Glo­ba­len Schutz schaf­fen, unter ande­rem das Kon­zept siche­rer Dritt­staa­ten abschaf­fen sowie den euro­päi­schen Soli­da­ri­täts­me­cha­nis­mus stär­ken und ausbauen.

2.     Gewalt­freie Gren­zen und siche­re Flucht­we­ge ermög­li­chen, unter ande­rem das Ver­bot von Zurück­wei­sung von Schutz­su­chen­den kon­se­quent durch­set­zen, eine aus­nahms­los auf alle aus­ge­rich­te­te staat­li­che See­not­ret­tung sicher­stel­len und die aktu­ell aus­ge­setz­ten Resett­le­ment- und Fami­li­en­nach­zugs­ver­fah­ren wiederaufnehmen.

3.     Fai­re Asyl- und Gerichts­ver­fah­ren und Auf­ent­halts­per­spek­ti­ven bie­ten, unter ande­rem jeden Asyl­an­trag gründ­lich prü­fen, eine behör­den­un­ab­hän­gi­ge Asyl­ver­fah­rens­be­ra­tung schaf­fen, zivil­ge­sell­schaft­li­che Unter­stüt­zungs- und Bera­tungs­an­ge­bo­te bedarfs­ge­recht finan­zie­ren und aus­rei­chen­de Mög­lich­kei­ten zum Spur­wech­sel schaffen.

4.     Gute Start­be­din­gun­gen durch sozia­le Rech­te ermög­li­chen, unter ande­rem das men­schen­wür­di­ge Existenzmini­mum für alle effek­tiv und dis­kri­mi­nie­rungs­frei von Anfang an gewäh­ren und für alle Zugang zu Inte­gra­ti­ons­kur­sen und zum Arbeits­markt schaffen.

5.     Teil­ha­be und Mit­be­stim­mung Gesell­schaft gemein­sam gestal­ten, unter ande­rem min­des­tens das kommu­nalen Wahl­recht für alle ein­füh­ren, die sich recht­mä­ßig seit min­des­tens fünf Jah­ren in Deutsch­land auf­hal­ten, sowie Bun­des­pro­gram­me wie „Demo­kra­tie leben” und „Gesell­schaft­li­cher Zusam­men­halt” aus­rei­chend finanzieren.

Hier ist das Memorandum als PDF zu finden 

Die Zusammenfassung: Über 300 Organisationen rufen zum Umdenken im
Flüchtlingsschutz auf: Es geht auch anders!

Zum Weltflüchtlingstag stellt sich ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis aus Wohlfahrt,
Menschenrechtsarbeit, Kirchen und Zivilgesellschaft unter dem Motto „Es geht auch anders!
Gemeinsam für Schutz und Zusammenhalt“ gegen die Entrechtung von schutzsuchenden
Menschen. 75 Jahre nach Verabschiedung der Genfer Flüchtlingskonvention formulieren sie in
einem Memorandum eine Zukunftsvision für einen starken Flüchtlingsschutz, von dem alle
profitieren.
Memorandum für einen starken Flüchtlingsschutz
Das am 19.06.2026 veröffentlichte Memorandum „Es geht auch anders! Gemeinsam für Schutz und Zusammenhalt“ wird von Amnesty International, AWO Bundesverband, Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband, Diakonie Deutschland, Handicap International und PRO ASYL herausgegeben und von über 300 Organisationen, darunter 75 Bundesorganisationen inklusive der Evangelischen Kirche Deutschland, mitgetragen. Es ist weiterhin für Unterzeichnung offen.
Mit Verabschiedung der Genfer Flüchtlingskonvention vor 75 Jahren wurden die Rechte von
Menschen, die Schutz vor Verfolgung suchen, völkerrechtlich verankert. Das bedeutet, Staaten
müssen aktiv Verantwortung übernehmen und dürfen diese nicht anderen Ländern aufdrängen.
In dem Memorandum entwerfen die Organisationen eine Zukunftsvision für einen starken und solidarischen Flüchtlingsschutz im 21. Jahrhundert:
“Verfolgte Menschen finden Schutz. Staatliche Grenzen stehen dem Recht des Einzelnen auf ein
Leben in Sicherheit und Würde nicht entgegen. […] Ein Flüchtlingsschutz, der diesem Anspruch
gerecht wird, ist möglich. Was dafür gestärkt werden muss, ist das, was uns als Gesellschaft trägt:
Solidarität, Respekt im Umgang miteinander und die Bereitschaft, das Gemeinsame über das
Trennende zu stellen. Das ist die Basis für einen Flüchtlingsschutz, der für alle funktioniert und das
Zusammenleben insgesamt verbessert.”
Warum unsere Stimme zählt
Unsere tägliche Arbeit macht uns zu Expert*innen. Wir retten Menschen aus Seenot, unterstützen
Geflüchtete im Asylverfahren und beim Ankommen in der Gesellschaft oder betreiben Unterkünfte,
Kindergärten und Beratungsstellen. Wir arbeiten vor Ort mit Schutzsuchenden ebenso wie mit der
Gesellschaft, in der sie ankommen. Ohne uns gelingt kein Flüchtlingsschutz.
Dabei erleben wir jeden Tag, dass Solidarität funktioniert. Unsere Beratungsstellen,
Sozialarbeiterinnen, Ehrenamtliche aber auch Schutzsuchende, Lehrer*innen, Unternehmen und
Nachbar*innen schaffen Schutz, Teilhabe und Perspektiven. Menschenrechte werden nicht abstrakt verteidigt, sondern praktisch, jeden Tag, auch durch uns.
Ein Flüchtlingsschutz für unsere Zeit
Die großen menschenrechtlichen Errungenschaften entstanden aus Erfahrungen von Gewalt,
Vertreibung und Menschheitsverbrechen. Eine solche Errungenschaft ist die Genfer
Flüchtlingskonvention, die in diesem Jahr 75 Jahre alt wird. Sie enthält ein Versprechen: Dass
Menschen Schutz erfahren vor Verfolgung, Krieg oder existenzieller Gefahr.
Doch zwischen diesem Versprechen und der politischen Realität klafft eine wachsende Lücke. Genau hier setzt das Memorandum an. In den fünf Handlungsfeldern globaler Schutz, gewaltfreie Grenzen und sichere Fluchtwege, faire Asyl- und Gerichtsverfahren und Aufenthaltsperspektiven, Gute Startbedingungen, Teilhabe und Mitbestimmung haben wir 21 Punkte identifiziert, die wichtige Schritte zu einem starken Flüchtlingsschutz sind.
Worüber wir jetzt reden wollen:
▸ Abschaffung des Konzepts sicherer Drittstaaten.
▸ Umsetzung und Ausbau des Globalen Pakts für Flüchtlinge, insbesondere bezüglich der
Finanzierung des UN-Flüchtlingswerks UNHCR und der Unterstützung von
Erstaufnahmeländern.
▸ Stärkung und Ausbau des europäischen Solidaritätsmechanismus als erstes Beispiel für
einen globalen Mechanismus der Verantwortungsteilung.
▸ Wiederaufnahme der deutschen Resettlementquote sowie aktuell ausgesetzter
Familiennachzugsverfahren.
▸ Grundlegende Reform der Zuständigkeitskriterien in der EU.
▸ Erleichterte Mobilität für Arbeitskräfte aus Drittstaaten, u.a. durch die vermehrte Ausstellung
von Multiple-Entry-Visa.
▸ Eine auf Rettung für alle ausgerichtete staatliche Seenotrettung.
▸ Die konsequente Durchsetzung des Verbots, Geflüchtete durch Grenzpolizei, Küstenwachen
oder durch staatliche Kooperation mit Drittstaaten gewaltsam zurückzudrängen.
▸ Die Abschaffung der Strafbarkeit der irregulären Einreise für Asylsuchende im
Aufenthaltsgesetz.
▸ Statt beschleunigter Verfahren, wie Grenzverfahren und Verfahren für Menschen aus als
sicher eingestuften Herkunftsländern, wird jedes Asylgesuch gründlich geprüft.
▸ Konsequente Ahndung von Vertragsverletzungen der Mitgliedstaaten durch die Europäische
Kommission - vor allem bei Zurückweisungen an Grenzen und bei der Aussetzung des
Asylrechts.
▸ Bedarfsgerechte Finanzierung von zivilgesellschaftlichen Unterstützungs- und
Beratungsangeboten, unter anderem der behördenunabhängigen Asylverfahrensberatung.
▸ Asylsuchende erhalten im Asylverfahren oder innerhalb eines angemessenen Zeitraums
nach einer Ablehnung die faire Option auf einen Spurwechsel.
▸ Das menschenwürdige Existenzminimum wird für alle effektiv und diskriminierungsfrei von
Anfang an gewährt.
▸ Staatliche Unterbringung ist nicht als Pflicht, sondern als Angebot ausgestaltet.
▸ Zugang zu Integrationskursen für alle von Anfang an.
▸ Sofortiger und uneingeschränkter Arbeitsmarkt- und Bildungszugang für alle.
▸ Einführung mindestens des kommunalen Wahlrechts für alle, die sich rechtmäßig seit
mindestens fünf Jahren in Deutschland aufhalten.
▸ Menschenrechtsbildung ist Standard in Schulen sowie in Trainingseinheiten und
Bildungsmaßnahmen bei Erwachsenen.
▸ Es werden Begegnungsorte für alle geschaffen und bei der kommunalen Stadtplanung
priorisiert.
▸ Bedarfsgerechte und dauerhafte Finanzierung von Bundesprogrammen wie „Demokratie
leben“ und „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“.

 

Medienberichte zum Weltflüchtlingstag, z. B. zum Aspekt Resettlement

Weltweit können 2,4 Millionen Geflüchtete nach UN-Angaben nicht ausreichend versorgt werden oder sind in unsicheren Ländern. Zugleich können sie demnach nicht heimkehren.

Millionen Flüchtlinge sind weltweit nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR nicht sicher in ihren jeweiligen Zielländern. Wie die UN-Organisation mitteilte, geht sie für kommendes Jahr von 2,4 Millionen Menschen aus, die in ihren Zufluchtsländern entweder nicht ausreichend sicher sind oder nicht gut genug versorgt werden können – jedoch auch nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren könnten. 

Zu den Gründen dafür gehört nach Angaben der Organisation, dass viele Länder die Umsiedlung oder Aufnahme bedürftiger Flüchtlinge stark reduziert oder ausgesetzt hätten, darunter auch Deutschland. Das geschehe etwa unter dem Argument, dass die Versorgung bereits aufgenommener Flüchtlinge zunächst gesichert werden müsse. 

Menschen aus Afghanistan, Sudan und Südsudan brauchen neue Aufnahmeländer

Das UNHCR fordert vor allem die Umsiedlung von Menschen, die medizinische Bedürfnisse haben, welche in ihren jeweiligen Zufluchtsländern nicht erfüllt werden können, sowie von Frauen, die zu Sexarbeit gezwungen wurden und deshalb in ihrer Familie und Gesellschaft geächtet werden. 

Die Zahl von 2,4 Millionen Menschen, die im kommenden Jahr eine Umsiedlung benötigen würden, sei ein »leichter Rückgang« im Vergleich zu 2026, teilte das UNHCR weiter mit. Auch bis 2028 wird demnach ein leichter Rückgang erwartet – unter anderem, weil wieder mehr Menschen nach Syrien zurückkehren, nachdem dort Ende 2024 das Regime von Baschar al-Assad gestürzt wurde. 

Allerdings bedeute ein Rückgang nicht immer eine gute Nachricht. So hätten etwa Pakistan und der Iran hunderttausende Menschen zur Rückkehr nach Afghanistan gezwungen, trotz der dortigen Sicherheits- und Versorgungslage. Fast 360.000 Afghaninnen und Afghanen würden weiterhin eine Umsiedlung benötigen. Das treffe auch auf mehr als 307.000 Geflüchtete aus dem Südsudan und 306.000 Flüchtlinge aus dem Sudan zu. 

296.000 umsiedlungsbedürftige Flüchtlinge leben nach UNHCR-Angaben derzeit in Äthiopien, 216.000 in der Türkei und fast 199.000 in Uganda. Unter den zehn Staaten mit den meisten aufgenommenen Menschen, die aber ein anderes Aufnahmeland bräuchten, befinden sich demnach sechs afrikanische Staaten. Die UN-Organisation beklagt das Missverhältnis zwischen umsiedlungsbedürftigen Flüchtlingen und Menschen, die eine neue sichere Heimat gefunden hätten: Letzteres traf im vergangenen Jahr etwa für nur 37.000 Menschen zu, nach 116.000 im Jahr 2024.  ...

 

Mehr als 1,3 Millionen sudanesische Geflüchtete leben in Kairo. Trotz milliardenschwerer EU-Hilfen für Ägypten fliehen viele weiter Richtung Europa - aus Angst und wegen gekürzter Hilfsangebote.

Mariam zeigt ihr neues Zuhause. Seit ein paar Monaten lebt die junge Sudanesin in der ägyptischen Hauptstadt Kairo - geflohen vor dem Krieg in ihrer Heimat. "Es war so schlimm im Sudan, so hart", sagt die 25-Jährige. Deshalb sei sie geflohen, habe gehofft, dass sie in Ägypten weiterstudieren und arbeiten kann. Sie habe sich auf den Weg gemacht, obwohl es gefährlich gewesen sei.

Doch ihre neue Welt erfüllt die Hoffnungen nicht: Eine staubige Seitenstraße mitten in einem der ärmsten Viertel von Kairos Häusermeer, unverputzte Gebäude, die Straßenschlucht so schmal, dass kaum der Himmel zu sehen ist. Über eine wacklige Treppe, nur von einer Glühbirne beleuchtet, geht es ein paar Stockwerke hinauf in die kleine angemietete Wohnung. Drei karg eingerichtete Zimmer, ein paar Betten und Stühle, ein altes Sofa - hier wohnt Mariam mit ihren Eltern und jüngeren Geschwistern, acht Menschen auf engstem Raum.

Flucht als einzige Möglichkeit

Aber immer noch besser als der Krieg im Sudan, erzählt Vater Ahmed. "An einem einzigen Tag wurden 18, 20 Bomben in unserer Nachbarschaft in Khartum abgeworfen. Die Frau von meinem Cousin starb mit ihren Kindern." Eine Bombe habe vier Männer getroffen, mit denen er kurz zuvor zusammengesessen hatte, sagt Ahmed. Das sei nur zehn Minuten vorher gewesen. Seine Frau habe er auf dem Boden gefunden - im Staub, wie er sagt. Sie habe gezittert und habe tagelang nicht stehen können.

Als der Krieg in der Hauptstadt Khartum nicht mehr auszuhalten ist, flieht Vater Ahmed mit seiner Familie - erst innerhalb des Sudan, später dann nach Ägypten. Die Flucht über die Grenze: abenteuerlich. Drei Tage lang seien sie unterwegs gewesen, erzählt Mutter Fatma. Bei Nacht hätten sie die Grenze passiert, um von der Polizei nicht gesehen zu werden. "Die Schmuggler haben uns erpresst und noch mehr Geld verlangt", sagt sie. Sie habe große Angst gehabt.

Kaum Bildungsmöglichkeit für geflüchtete Kinder

Irgendwie schaffen sie es nach Kairo - sie haben die Schmuggler reichlich bezahlt. Einen ägyptischen Stempel im Pass haben sie nicht, gelten als Illegale in Ägypten. Beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen in Kairo haben sie sich als Geflüchtete registriert, doch Hilfe bekommen sie nicht, wie sie erzählen. Die UN-Hilfswerke mussten ihre Leistungen drastisch kürzen.

Die Familie von Mariam bekommt kein Geld, keine medizinische Hilfe und, das Schlimmste, finden sie, keine Schulbildung für die Kinder. "Meine Schwestern können nicht zur Schule gehen", sagt Mariam. Den ganzen Tag würden sie nur zu Hause sitzen und fernsehen. Auf eine ägyptische Schule dürfen die Kinder nicht gehen, weil sie keinen offiziellen Status haben, und eine Schule für Geflüchtete gibt es bei ihnen nicht. Die Kinder lernen seit Jahren nicht.

Vater Ahmed bricht in Tränen aus. Er wolle, dass sie etwas lernen, denn Bildung sei er Schlüssel zur Welt. "Bildung hebt den Menschen, Ignoranz zerstört ihn", fügt er hinzu. Ahmed findet, wenn ein Mensch gebildet ist, sei er selbst eine Welt. "Ich würde mir so wünschen, dass meine Kinder alle gebildet werden, aber der Krieg hat das verhindert."

Willkürliche Verhaftungen und Abschiebungen nehmen zu

Er hat versucht, in Kairo ein neues Leben aufzubauen, irgendwie Geld zu verdienen, verkauft Lebensmittel. Doch sie fühlen sich in Ägypten nicht mehr sicher. Die Behörden hätten angefangen, Leute von der Straße weg einzufangen und abzuschieben. Sie hätten Angst, niemand wolle mehr rausgehen, sagt Ahmed. "Sie schnappen dich, stecken dich ins Gefängnis und schieben dich sofort ab, ohne dass du deine Kinder nochmal sehen kannst." Sogar Menschen mit UN-Flüchtlingsstatus würden abgeschoben. "Ich kenne einen Fall: der Mann wurde gefangen, Frau und Kinder sind noch hier", sagt Ahmed.

Mehr als 1,3 Millionen sudanesische Geflüchtete leben allein in Kairo. Die Regierung bringt sie nicht in Lagern unter, sondern sie mieten sich wie Ahmed Wohnungen in der Hauptstadt und schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch. Bei manchen Frauen ist die Not so groß, dass sie sich prostituieren.

Und mittlerweile - so sagen Menschenrechtsorganisationen - seien die Geflüchteten immer mehr im Visier des ägyptischen Staates: man verzeichne eine Zunahme von willkürlichen Verhaftungen und Abschiebungen. Und das obwohl die EU Ägypten mit mehreren Milliarden Euro unterstützt, um dem Staat beim Umgang mit Geflüchteten zu helfen. Auch um zu verhindern, dass sich die Sudanesen auf den Weg nach Europa machen. Doch genau das passiere mittlerweile, sagen Beobachter: Viele Sudanesen fliehen weiter, weil sie sich in Ägypten nicht sicher fühlen.

Player: video Weltflüchtlingstag: Hilfsorganisationen beklagen zunehmende Mittelkürzung für humanitäre Programme

Es gibt keine Perspektive in Ägypten

Die ägyptische Regierung hält dagegen, man sorge bestmöglich für die Versorgung der "sudanesischen Brüder". Ägypten öffne weiterhin seine Türen für die, die Sicherheit und Stabilität suchen. Doch Mariam traut dem nicht: "Du kannst nicht frei herumlaufen", sagt die junge Frau. "Wenn du nur in ein Geschäft gehst, kann dich die Polizei schon schnappen." Sie habe Angst und bleibe nur in der Wohnung, sagt sie. Sogar auf dem Markt habe sie Angst.

Die 25-Jährige ist verzweifelt. Ihr Englisch-Studium wurde durch den Krieg unterbrochen, sie versucht es online irgendwie zu beenden, aber es gibt keine Perspektive in Ägypten. Dabei will sie einfach nur eine Arbeit finden. Sie habe ihre Kraft verloren, ihre Leidenschaft, sagt sie. Sie würden in einer Flasche stecken, aus der es keine Weg hinaus gebe. "Alle Türen wirken verschlossen." Sie wolle nur die Chance bekommen zu arbeiten - "zum Beispiel bei der UN oder in einer Hilfsorganisation, ich würde mein Bestes geben".

Auch sie träumt von einem Leben in einem anderen Land, am liebsten in Europa. Aber eigentlich wünscht Mariam sich nur eines: Ein Ende des Krieges im Sudan, um zurück in die Heimat zu können.

"Mein Traum ist Frieden im Sudan. Freiheit! Demokratie! Ich möchte meinem Volk helfen."